Der Journalist Brian Merchant, bekannt für seine scharfe Kritik an der Machtkonzentration im Silicon Valley, lässt in dieser Ausgabe den Gastautor Thomas Dekeyser zu Wort kommen. Dekeyser, Experte für Humangeografie, stellt die Kernthesen seines Buches „Techno-Negative“ vor. Das zentrale Argument des Newsletters bricht mit der gängigen Erzählung der Tech-Gigant:innen, wonach technischer Fortschritt eine unaufhaltsame, natürliche Welle sei. Dekeyser postuliert stattdessen, dass die Geschichte der Technik ein „politisches Schlachtfeld“ ist, geprägt von bewusster Ablehnung und Sabotage.

Die Autor:innen identifizieren die Rhetorik der „Unvermeidlichkeit“ als strategisches Instrument von KI-Promoter:innen und Arbeitgeber:innen, um Widerstand im Keim zu ersticken. „Die Unvermeidlichkeitserzählung ist eine Fantasie“, schreibt Dekeyser und betont, dass die lineare Fortschrittsgeschichte historisch unkorrekt sei. Der Newsletter liefert eine chronologische Herleitung der sogenannten „Techno-Negativität“ und beginnt bereits in der Antike. Überraschenderweise wird Archimedes als erster Maschinenstürmer angeführt, der seine eigenen Erfindungen zerstörte, um deren künftigen Missbrauch zu verhindern.

Ein wesentlicher Teil der Argumentation widmet sich der Rehabilitation der Luddit:innen im 19. Jahrhundert. Merchant und Dekeyser rahmen deren Kampf nicht als rückwärtsgewandte Technikfeindlichkeit, sondern als kollektiven Widerstand gegen die Verschmelzung von Technologie und kapitalistischer Ausbeutung. Besonders interessant ist der Hinweis auf frühe staatliche Interventionen: Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert waren es oft Regierungen, die neue Maschinen verboten oder öffentlich verbrannten, um die Arbeiter:innen vor Verdrängung zu schützen – ein scharfer Kontrast zur heutigen pro-innovativen Haltung der Politik.

Die Analyse spannt den Bogen weiter über radikale Kommunen wie MOVE in den 1970ern, die den bewussten Rückzug aus dem technologischen System wählten, bis hin zu den militanten Gruppen der 1980er Jahre. Erwähnung findet das französische Komitee C.L.O.D.O., das Brandanschläge auf Computerfirmen verübte, um die Informatisierung als Instrument der Überwachung und Staatsgewalt zu bekämpfen. Dekeyser resümiert: „Die Geschichte der Technologie ist in Wahrheit ein politisches Schlachtfeld, auf dem zahlreiche Akteur:innen um die Pfade der technologischen Innovation kämpfen.“

Einordnung

Der Newsletter verfolgt eine dezidiert machtkritische und antikapitalistische Agenda. Die Perspektive ist konsequent auf die Widerständigen fokussiert; Stimmen, die technologische Innovationen als Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme sehen, bleiben gänzlich unberücksichtigt. Auffällig ist die Normalisierung radikaler Protestformen, einschließlich Brandstiftung, die hier als legitime Ausdrucksform einer „techno-negativen“ Geschichte gerahmt werden. Die implizite Annahme ist, dass Technologie unter kapitalistischen Vorzeichen zwangsläufig ein Herrschaftsinstrument bleibt, das nur durch Verweigerung oder Subversion gebrochen werden kann.

Dekeysers Argumentation ist intellektuell anregend, da sie den deterministischen Blick auf die Zukunft dekonstruiert. Dennoch schwächelt der Text in der Differenzierung: Es wird kaum zwischen emanzipatorischer Techniknutzung und repressiver Automatisierung unterschieden. Das Narrativ zielt darauf ab, die Leser:innen aus einer vermeintlichen Ohnmacht gegenüber Big Tech zu befreien und die „Risse im System“ aufzuzeigen. Die historische Einbettung dient dabei weniger der akademischen Aufarbeitung als vielmehr der Inspiration für gegenwärtige Kämpfe gegen die KI-Industrie.

Der Text ist eine dringende Leseempfehlung für alle, die ein historisch fundiertes Gegennarrativ zum Silicon-Valley-Optimismus suchen. Er bietet wertvolle Argumente für die Debatte um die politische Gestaltung von Technik, fordert aber eine kritische Distanz gegenüber der impliziten Idealisierung von Sabotage und Totalverweigerung.