Der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt jun. nähert sich dem Werk von Jim Carrey über dessen Status als einen der letzten großen Slapstick-Komiker. Für Schmitt seien Carreys Filme stets auch „Jim Carrey Filme“, was mehr bedeute als eine bloße Hauptrolle. Ausgehend von dessen Auftritt bei der César-Verleihung 2026, der bizarre Gerüchte über einen Klon auslöste, entfaltet Schmitt die zentrale These: Carreys Komik speise sich aus der Darstellung von Identitätsverlust und dem Zwang, im Kapitalismus verschiedene Masken zu tragen. Seine Figuren seien fast immer lohnabhängig Beschäftigte, die an der Normalität zerschellten.

Zentrale Punkte

  • Die Charaktermaske als komisches Prinzip Carrey zeige in Rollen wie in „Liar Liar“ oder „Der Ja-Sager“ das, was Marx die Charaktermaske nenne. Er spiele Angestellte, deren Gesichter zwischen bürgerlicher Normalität und grimassierendem Kontrollverlust hin- und herkippten – ein Ausbruch aus gesellschaftlich gefordertem Rollenspiel.
  • Slapstick als Gesellschaftsdiagnose In der Tradition des Slapsticks untergrabe Carrey soziale Verabredungen. Anders als sein Vorbild Jerry Lewis, den Schmitt als „synthetische Figur“ beschreibt, gehe es bei Carrey nicht um die Synthese von Typologien, sondern um die Sichtbarmachung von Entfremdung und einer „schizophrenen“ Gesellschaft.

Einordnung

Schmitt gelingt eine präzise Charakterisierung von Carreys physischem Spiel und dessen Funktion. Die Einbettung in eine soziologische Lesart über Goffmans Rollentheorie und Marx‘ Charaktermaske ist erhellend und zeigt, wie Slapstick gesellschaftliche Zwänge offenlegen kann. Die Beobachtung, dass Carreys Komik stets von Figuren der weißen Mittelschicht ausgeht und deren Verunsicherung verhandelt, ist zutreffend.

Allerdings behandelt Schmitt die Filme fast ausschließlich als Belegmaterial für eine bereits vorgefasste Gesellschaftstheorie. Die ästhetische Eigenlogik des Kinos, etwa Inszenierung oder Bildsprache, bleibt außen vor. Aus einem Grimassenschneiden wird so pauschal und assoziativ eine marxistische Kapitalismuskritik abgeleitet, was Sprünge in der Argumentation erzeugt. Dass Carrey selbst als Star Teil der Unterhaltungsindustrie ist, wird nicht problematisiert.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für eine kultursoziologische Filminterpretation jenseits des Mainstreams interessieren und Carreys Werk aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachten möchten.

Sprecher:innen

  • Wolfgang M. Schmitt jun. – Filmkritiker und Host der Filmanalyse, betreibt ideologiekritische Filmanalyse