Roger Köppel widmet diese Episode seiner wachsenden Sorge vor einem großen Krieg in Europa. Ausgangspunkt sei die Beobachtung, dass sich der Westen – insbesondere Deutschland und die EU – mental bereits auf einen russischen Angriff vorbereite, militärisch aber nicht gewachsen sei. Er zeichnet das Bild eines Prozesses, der durch wechselseitige Fehlwahrnehmungen und Gesprächsverweigerung eine Eigendynamik entwickelt habe, aus der es kaum noch ein Entkommen gebe. Die Schweiz betreffe das unmittelbar: Sie sei durch die Übernahme der EU-Sanktionen faktisch Kriegspartei und müsse sich fragen, ob sie diesen Kurs fortsetzen oder zur umfassenden Neutralität zurückkehren wolle. Die Darstellung setzt voraus, dass die westliche Politik einem folgenschweren Irrtum unterliege – und Russland lediglich seine Sicherheitsinteressen verteidige.
Zentrale Punkte
- Unvermeidliche Eskalation durch Blindflug Der Westen habe sich eingeredet, der Ukraine-Krieg sei ein Kampf um westliche Werte, sei aber nicht bereit, ihn selbst zu führen. Weil man Gespräche mit Russland verweigere, wisse man nicht, was Russland wolle, und unterschätze dessen Entschlossenheit.
- Neutralität als aufgegebene Schutzstrategie Die Schweiz habe unter Druck der Banken die EU-Sanktionen übernommen und sei damit Kriegspartei. Das NZZ-Argument, die Neutralität könne flexibel gehandhabt werden, werde hinfällig, sobald der Krieg auf Nachbarländer der Schweiz übergreife.
- Russische Sicht als Sicherheitskorridor-Logik Russland führe keinen imperialistischen Eroberungskrieg, sondern wolle einen strategischen Vorhof behaupten. Die NATO-Osterweiterung werde als existenzielle Bedrohung gesehen – eine Wahrnehmung, die der Westen als Propaganda abtue, ohne sie zu prüfen.
Einordnung
Die Episode liefert eine zusammenhängende, in sich geschlossene geopolitische Lagebeurteilung aus einer Perspektive, die in der Schweizer Medienlandschaft eher selten zu Wort kommt. Köppel benennt explizit die russische Sichtweise und fordert dazu auf, sie ernst zu nehmen, statt sie pauschal als Propaganda abzutun. Die Argumentation ist rhetorisch geschliffen und zieht historische Parallelen zu Napoleon und Hitler, um die Dramatik der Situation zu unterstreichen.
Allerdings bleiben zentrale Annahmen unbelegt. Die Behauptung, die UBS habe 2022 den Bundesrat zur Sanktionsübernahme gedrängt, wird mit dem Hinweis eingeführt, es gebe dafür keine öffentlichen Protokolle. Dass die Schweiz durch Wirtschaftssanktionen zur Kriegspartei werde, wird als Tatsache gesetzt – eine juristisch und völkerrechtlich umstrittene Einordnung. Die westliche Perspektive wird als „fixe Idee“ abgetan, während die russische Position als faktische Beschreibung erscheint. Alternative Erklärungen – etwa dass Staaten im Baltikum die Bedrohung anders einschätzen – werden nicht erwähnt. Auch die innenpolitischen Motive westlicher Regierungen werden pauschal als „rhetorischer Überschwang“ abgehandelt. „Diese Logik der Einflusssphären, der Sicherheitszone, der Pufferstaaten, das ist ja nicht etwas, was die Russen exklusiv alleine hätten, das sehen wir auch bei China“ – mit diesem Verweis auf Großmachtpolitik anderer Staaten wird die russische Position normalisiert, ohne dass die Asymmetrie der Situation (russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine) problematisiert würde.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine pointierte Gegenposition zum sicherheitspolitischen Mainstream suchen und verstehen wollen, wie die russische Perspektive in Teilen der Schweizer Debatte dargestellt wird, bietet die Episode aufschlussreiches Material.
Sprecher:innen
- Roger Köppel – Verleger und Chefredaktor der Weltwoche, Nationalrat (SVP)