Das Medienmagazin besucht netzpolitik.org, ein Journalismusprojekt, das sich ausschließlich über Spenden finanziert und bewusst nicht neutral berichten möchte. Stattdessen lege man einen Fokus auf Grund- und Freiheitsrechte aus der Perspektive der Zivilgesellschaft. Der Besuch gibt Einblicke in die basisorientierte Selbstorganisation der rund 20 Mitarbeitenden und in die ständige Suche nach einer Balance zwischen komplizierten Themen und einem breiteren Publikum ohne Tracking oder Paywall.
Im Gespräch mit der Co-Chefredakteurin Anna Biselli und der Geschäftsführerin Anke Prochnau werden die redaktionellen Abläufe sowie die Herausforderungen der Spendenfinanzierung beschrieben. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass journalistische Neutralität eine „Illusion“ sei und eine wertegeleitete, spendenbasierte Berichterstattung dem klassischen, werbefinanzierten Journalismus überlegen sein könne. Auch die Nutzung großer Social-Media-Plattformen sei ein notwendiges Übel, um Reichweite für die eigenen Anliegen zu schaffen.
Zentrale Punkte
- Journalismus statt Neutralität Die Redaktion sehe Neutralität als unerreichbare Illusion an und lege ihre eigene wertebasierte Haltung – den Fokus auf Grund- und Freiheitsrechte – transparent offen. So wolle man den Leser:innen ermöglichen, die gelieferten Informationen und verlinkten Originalquellen selbst zu prüfen.
- Lücken füllen, nicht verdoppeln Man entscheide bei der Themenauswahl gezielt nach der zivilgesellschaftlichen Relevanz. Über Themen, die von großen Medien bereits umfassend aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet würden, müsse netzpolitik.org nicht berichten. Man konzentriere sich auf die Aspekte, die sonst untergingen.
- Abhängigkeit von Spenden als Daueraufgabe Die Redaktion finanziere sich fast ausschließlich über Spenden, was eine ständige Kommunikation mit der Community erfordere. Schwankende Einnahmen, wie ein aktueller leichter Rückgang, würden durch Rücklagen und den Ausbau von Reichweite etwa auf Instagram abgefedert, auch wenn man die großen Plattformen eigentlich kritisch sehe.
Einordnung
Der Redaktionsbesuch liefert einen aufschlussreichen Blick auf ein Nischenmedium, das seine Strukturen und sein wertebasiertes Selbstverständnis klar und reflektiert darlegt. Die Stärke der Episode liegt darin, die praktischen Konsequenzen dieses Selbstverständnisses zu zeigen: von der basisdemokratischen Entscheidungsfindung über die Kriterien der Themenauswahl bis zum Umgang mit finanzieller Unsicherheit. Ein authentisches Bild der Arbeitsrealität entsteht, das die Motivation der Mitarbeitenden nachvollziehbar macht.
Die kritische Distanz bleibt jedoch begrenzt. Die Darstellung, man springe nur dort ein, wo andere Medien Lücken ließen, setzt eine Deutungshoheit darüber voraus, was gute Berichterstattung sei, ohne dies zu belegen. Die eigene Abhängigkeit von Spenden wird zwar als Herausforderung, nicht aber als potenzielle inhaltliche Begrenzung reflektiert – etwa, ob bestimmte Spender:innen-Milieus ungewollt die Agenda mitbestimmen könnten. So bleibt der Einblick eher ein Schaufenster in die eigene Organisationslogik als eine kritische Selbstbefragung.
Für alle, die verstehen wollen, wie ein dezidiert nicht-neutrales Medium in der Praxis funktioniert, lohnt sich das Hören.
Sprecher:innen
- Theresa Sickert – Moderatorin des Medienmagazins
- Anna Biselli – Co-Chefredakteurin von netzpolitik.org
- Anke Prochnau – Geschäftsführerin von netzpolitik.org