In diesem Gespräch zwischen Prof. Christian Rieck und dem Psychiater Raphael Bonelli geht es um Bonellis Buch „Kopflos – Warum wir den Verstand verloren haben“. Bonelli stellt darin verschiedene Formen von Denkstörungen vor, die er in individuelle und kollektive unterteilt. Als Einstieg diskutieren sie die individuelle Selbstüberschätzung, etwa wenn junge Berufstätige die Erfahrung Älterer unterschätzen. Rieck verweist auf das psychologische Modell des schnellen (System 1) und langsamen (System 2) Denkens.
Die kollektive Denkstörung führe zu einer Entkopplung von der Realität
Bonelli zufolge passe sich das Denken aus Angst vor sozialem Ausschluss an die Gruppe an und gebe die eigene Wahrnehmung auf. Dies habe man besonders während der Coronazeit beobachten können, setze sich aber in Themen wie Klima oder Ukraine fort. „Wenn der Mensch losgelöst ist von seiner Wahrnehmung […] und einfach nur noch auf das Kollektiv schaut, was habe ich jetzt zu sagen, dann wird’s dramatisch“, so Bonelli.
Das Mitläufertum könne jedoch auch rational sein
Rieck liefert eine spieltheoretische Erklärung: Wenn die eigene Information verrauscht sei und andere einheitlich ein anderes Signal sendeten, sei es rational, die eigene Wahrnehmung zu ignorieren – etwa wenn alle Tauben losflögen. Dieses Modell zeige, dass das Ignorieren privater Informationen nicht automatisch irrational sei.
Junge Menschen neigten zur Respektlosigkeit gegenüber Erfahrung
Bonelli kritisiert eine von ihm beobachtete Tendenz, dass Berufsanfänger:innen die Kompetenz älterer Kolleg:innen unterschätzten und glaubten, alles besser zu wissen. „Die Respektlosigkeit vor dem alten weißen Mann, zu dem ich ja jetzt auch schon gehöre. Also dieses, dass man Erfahrung nicht mehr wertschätzt, sondern eher runtermacht“, erklärt er.
Medien lieferten vorgefertigte Haltungen und lähmten so das eigene Denken
Vor zwanzig Jahren habe man Journalist:innen noch objektive Berichterstattung gelehrt, heute müsse eine Bewertung mitgeliefert werden. Das führe dazu, dass das Urteil vor dem Denken stehe und das Denken gelähmt werde: „Man muss eine Haltung mitliefern. […] Das sind lauter Sachen, die uns mitgeliefert werden, dann wird das Denken natürlich leichter.“
Das Gehirn sei plastisch und werde durch wiederholtes Handeln geprägt
Bonelli betont, dass ständiges Üben – auch in destruktiven Bereichen wie Sucht oder Untreue – Expertise hervorbringe. So könnten Drogenabhängige intuitiv Dealer erkennen oder notorische Fremdgänger:innen geeignete Partner:innen identifizieren. Die positive Nachricht sei, dass sich das Gehirn ebenso gezielt in konstruktive Richtungen formen lasse.
Einordnung
Das Video präsentiert sich als informelles Expertengespräch im YouTube-Format, bei dem Prof. Rieck und Dr. Bonelli einander bestätigend durch zentrale Thesen navigieren. Bonellis kulturkritische Diagnosen – die Entmündigung des Individuums durch Medien, die Preisgabe eigener Wahrnehmung an einen vermeintlichen „Mainstream“ – werden durch Riecks spieltheoretische Kommentare ergänzt, aber nicht herausgefordert. Dadurch entsteht ein harmonisches, aber einseitiges Deutungsmuster: Die beiden Gesprächspartner inszenieren sich als unabhängige Tiefendenker, während die gesellschaftliche Mehrheit als manipuliert und oberflächlich denkend erscheint. Diese Selbst- und Fremdbeschreibung folgt einem vertrauten Narrativ intellektueller Gegenkultur, das strukturelle Gründe für Medienwandel oder soziale Dynamiken kaum einbezieht.
Auffällig ist das Framing von „Respektlosigkeit vor dem alten weißen Mann“, das unauffällig einen konservativen Kulturkampfbegriff ins Zentrum rückt, ohne die politische Aufladung zu thematisieren. Wenn Bonelli pauschal eine „kollektive Denkstörung“ diagnostiziert und dies mit einer angeblichen Unfreiheit in Corona-, Klima- oder Ukraine-Diskursen illustriert, bedient er zwar keine offen verschwörungstheoretischen Positionen, doch die Argumentation ist anschlussfähig für Narrative einer meinungsdiktierenden Elite. Die hauptsächlich anekdotische Evidenz – Erlebnisse aus der Praxis oder Schilderungen von Einzelfällen – verleiht den Behauptungen eine persönliche Authentizität, die aber wissenschaftlicher Überprüfbarkeit entbehrt. Visuell unterstreicht das Setting (Brille, Bücherregal, direkte Kameransprache) den akademischen Expertenstatus; die Botschaft wird weniger durch logische Deduktion als durch persönliche Überzeugung vermittelt. Für Zuschauer:innen, die eine ausgewogene wissenschaftliche Diskussion erwarten, bleibt das Gespräch damit zu sehr in der eigenen Komfortzone verhaftet.