Die Kritiker:innen-Runde diskutiert die Neuinszenierung von Corneilles „Le Cid" durch Denis Podalydès mit dem Ensemble der Comédie-Française. Es geht um die Frage, wie ein klassisches Stück des französischen Theaterkanons heute noch auf die Bühne gebracht werden kann. Statt um inhaltliche Deutungen kreist die Debatte vor allem um den grundsätzlichen Konflikt zwischen lebendigem, riskantem Theater und dem, was als pflichtschuldige, staatlich geförderte Denkmalpflege wahrgenommen wird. Die ästhetische Erfahrung des Abends – empfundene Länge, Wirkung der Verse, Kraft der Schauspieler:innen – wird dabei zum Maßstab für das Urteil.
Zentrale Punkte
- Totes Erbe oder lebendige Verse Für Fabienne Pascaud gelinge die Inszenierung, weil sie die barocke Komplexität des Stücks zeige. Pierre Lesquelen hingegen kritisiert genau das: Die Aufführung sei museal und „völlig tot", eine bloße Rekonstruktion von Theatererbe, keine lebendige Kunst. Die Darstellung als Tragikomödie sei keine mutige Tat, sondern längst bekannter Wissensstand.
- Ein einziger Funke im akademischen Rahmen Einig sind sich fast alle in der Ablehnung eines als „akademisch", „pomphaft" und zäh empfundenen Abends. Gelobt wird aber übereinstimmend die Energie von Suliane Brahim als Chimène; ihre Darstellung bringe in der zentralen Szene mit Benjamin Lavernhe als Rodrigue endlich echte Spannung ins Spiel, während der Rest der Aufführung als steif und historisierend kritisiert wird.
Einordnung
Die Diskussion zeichnet das lebendige Bild eines klassischen Kritiker:innendisputs, in dem rein ästhetische Urteile mit großer Leidenschaft verhandelt werden. Das große Verdienst der Debatte ist, dass sie die Kriterien für gutes Theater direkt erfahrbar macht: Soll es die Reibung an der Gegenwart suchen oder historische Formen originalgetreu rekonstruieren? Die Kontroverse macht die Kluft zwischen diesen Erwartungshaltungen produktiv. Ein Manko ist, dass die tiefere, politische Dimension des „Cid" – die Frage nach patriarchaler Gewalt und Ehre, die junge Leben zerstört – kaum eine Rolle spielt. Die Struktur der Diskussion bleibt einem Diskurs verhaftet, der Männern die intellektuelle Deutungshoheit über das Werk zuschreibt, während weibliche Schauspielkraft vor allem für emotionale, vitalistische Energie gelobt wird. So sagt Laurent Valière nicht ohne bezeichnende Wortwahl: Er danke der Schauspielerin zutiefst, denn „il y a une actrice qui a le sang chaud" („da ist eine Schauspielerin, die hat heißes Blut").
Sprecher:innen
- Fabienne Pascaud – Journalistin bei Télérama
- Pierre Lesquelen – Kritiker für I/O Gazette und Détectives sauvages, Dramaturg und Forscher
- Sandrine Blanchard – Journalistin bei Le Monde
- Laurent Valière – Produzent und Kritiker bei France Musique