Der Newsletter von Public Notice, verfasst von Brynn Tannehill, entlarvt eine profitable Masche der religiösen Rechten und MAGA-Bewegung: die Produktion von Propaganda, die Christ:innen als diskriminierte Opfer inszeniert. Als jüngstes Beispiel wird der Film „By Dawn’s Early Light“ genannt, der angebliche Erkenntnisse von Trumps „Task Force to Eradicate Anti-Christian Bias“ verbreitet. Tannehill zeichnet daraufhin eine dystopische Umkehr: In einer fiktiven USA werden Christ:innen aus Universitäten, Berufen und dem Militär verbannt, ihnen medizinische Versorgung verweigert, christliche Inhalte zensiert und selbst Pässe so geändert, dass eine Flucht unmöglich wird. Jede dieser Schilderungen, so wird klargestellt, ist nicht erfunden, sondern spiegelt exakt aktuelle Gesetze und Praktiken, die in den USA und Großbritannien gegen Transgender-Personen in Kraft sind.

Die Pointe folgt unmissverständlich: „None of it is happening to Christians in the United States … It is simply a paranoid fantasy that facilitates a victimhood mindset.“ Während sich konservative Christ:innen in einem Wahn der Verfolgung sehen, unterstützen sie laut Autor genau jene Maßnahmen, die Trans-Menschen das Leben zur Hölle machen. Als Schlüsselsatz dient die provokative Parallele: Viele heterosexuelle Männer fürchteten Schwule, weil sie selbst so behandelt werden könnten, wie sie Frauen behandeln; ebenso hätten Christ:innen Angst vor Trans-Personen, weil sie ahnen, was sie selbst Afroamerikaner:innen angetan haben – und heute Trans-Menschen antun.

Einordnung

Die rhetorische Strategie der Spiegelung ist wirkungsvoll: Sie zwingt die Leser:innen, die Perspektive zu wechseln und die Schwere der Anti-Trans-Gesetzgebung emotional zu erfassen. Allerdings operiert der Text mit einer stark vereinfachenden Täter-Opfer-Dichotomie und unterstellt pauschal „most American Christians“ eine bewusste, repressive Agenda. Die historische Parallele zur Entrechtung der Jüdinnen und Juden im NS-Deutschland 1933–38 verleiht der Argumentation Dringlichkeit, birgt jedoch die Gefahr, die Singularität der Shoah zu relativieren. Zudem bleibt die Lebensrealität jener Christ:innen ausgeblendet, die ihre Religionsfreiheit durch gesellschaftliche Liberalität tatsächlich schwinden sehen – wenngleich dies keine staatliche Verfolgung ist.

Lesenswert ist dieser pointierte Newsletter für alle, die sich mit den Diskursstrategien der US-Rechten und der Situation von Trans-Personen auseinandersetzen. Eine Leseempfehlung mit Vorbehalt gilt für jene, die eine vielstimmige Analyse oder eine differenzierte Bewertung der historischen Analogie suchen.