Die Episode des F.A.Z.-Wissenspodcasts verknüpft zwei aktuelle Themen: die meteorologische Warnung vor einem sich formierenden, potenziell extremen El Niño und eine politische Kontroverse um die Arbeit des Weltklimarats (IPCC). Im Gespräch zwischen Redakteurin Petra Ahne und Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung werden die physikalischen Mechanismen der Klimaschwankung detailliert erklärt. Dabei wird El Niño als ein natürliches, aber unregelmäßig auftretendes zyklisches Phänomen dargestellt, dessen Intensität und Folgen durch die menschengemachte Erderwärmung wahrscheinlich verstärkt würden. Die Diskussion setzt den menschengemachten Klimawandel und die Erwärmung der Ozeane als gegebenen, wissenschaftlich unbestreitbaren Fakt voraus. Der zweite Teil behandelt die politische Aufladung einer wissenschaftlichen Aktualisierung von Emissionsszenarien, die von AfD und Donald Trump als angebliche Abkehr des IPCC von eigenen Prognosen umgedeutet werde – ein aus Sicht der Redaktion klarer „Pseudoskandal".
Zentrale Punkte
- El Niños Mechanik und Energie El Niño entstehe durch eine Kopplung von nachlassenden Passatwinden und der Rückbewegung gigantischer Warmwassermassen vom West- zum Ostpazifik. In diesen Wassermassen stecke ein Energiegehalt, der der zehnfachen jährlichen globalen Energieproduktion entspreche, was das globale Wettergeschehen massiv störe.
- Globale Wetter-Wirkungskette Die Wärmeanomalie vor Südamerika verändere großräumige Luftzirkulationen und verschiebe Jetstreams. Dies führe zu „Teleconnections": Dürren und Waldbrände in Südostasien und Australien, Überflutungen an der amerikanischen Westküste und eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Hitzesommer und Trockenheit in Europa im Folgejahr.
- Politik mit dem „Worst Case" Die Streichung des extremsten IPCC-Emissionsszenarios RCP 8.5 sei eine Aktualisierung, die den Fortschritt bei regenerativen Energien abbilde, nicht das Ende des Klimawandels. Die Umdeutung, der Weltklimarat habe den Weltuntergang abgesagt, sei ein von der AfD und Trump inszenierter „Pseudoskandal", der auf der falschen Annahme basiere, der IPCC würde Prognosen statt wissenschaftlicher Projektionen erstellen.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine fachlich fundierte und dennoch zugängliche Einführung in die komplexe Physik des El-Niño-Phänomens und dessen potenzielle Verstärkung durch den Klimawandel. Müller-Jung gelingt es, durch anschauliche Vergleiche – etwa den Energieinhalt des Phänomens – die Dimensionen der natürlichen Schwankung greifbar zu machen. Positiv hervorzuheben ist das explizite Offenlegen wissenschaftlicher Unsicherheiten, etwa bei den Modellierungen oder der Frage nach der ursächlichen Wind- oder Wasserbewegung. Die Dekonstruktion der politischen Instrumentalisierung des IPCC-Szenarios ist präzise und zeigt die grundlegende Differenz zwischen wissenschaftlicher Projektion und Vorhersage auf.
Die Darstellung bleibt jedoch in einigen politischen und ökonomischen Prämissen verhaftet, die nicht hinterfragt werden. Der Zuwachs an regenerativen Energien und ein damit einhergehender, quasi-marktförmiger Rückgang von Emissionen wird als eine Art automatische Erfolgsgeschichte ohne Klimaschutzmaßnahmen präsentiert. Die Rolle konkreter politischer Eingriffe oder die jahrzehntelange Verzögerung effektiver Klimapolitik tritt hinter dieser Erzählung zurück. Zudem wird der IPCC als rein neutrale, Wissen sammelnde Instanz dargestellt, ohne Reflexion darüber, dass bereits die Formulierung und Auswahl von Szenarien – und die Fokussierung auf einen „realistischen" Korridor – eine politisch relevante Rahmung von Handlungsspielräumen darstellt. Die massive Berichterstattung über den „Super-El-Niño" mit Begriffen wie „Monster" wird als notwendige Sensibilisierung eingeordnet; die Frage, ob solche alarmistischen Zuspitzungen auch zu einer Abstumpfung oder politischen Instrumentalisierung beitragen könnten, wie sie im zweiten Teil der Episode selbst kritisiert wird, wird nicht gestellt.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine verständliche, wissenschaftlich solide Erklärung von El Niño und gleichzeitig eine Einordnung aktueller klimapolitischer Desinformation suchen.
Sprecher:innen
- Petra Ahne – Redakteurin im Feuilleton der F.A.Z., Moderatorin der Episode
- Joachim Müller-Jung – F.A.Z.-Wissenschaftsredakteur mit Schwerpunkt Klimaforschung