Der Newsletter basiert auf einer gemeinsamen Recherche von Corporate Europe Observatory und AlgorithmWatch, die eine bedenkliche Einflussnahme von Big-Tech-Konzernen auf die EU-Gesetzgebung offenlegt. Im Zentrum steht der „AI Continent Action Plan“ der Europäischen Kommission vom Frühjahr 2025, der eine Verdreifachung der europäischen Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vorsieht. Diese Expansion kollidiert massiv mit den Klimazielen der EU, da der Energiehunger der KI-Infrastruktur exponentiell wächst. In Dublin verbrauchen Rechenzentren bereits 50 Prozent des verfügbaren Stroms, was die Preise treibt und die Versorgungssicherheit für die Bürger:innen gefährdet. Um diesen Bedarf zu decken, weichen Betreiber zunehmend auf fossile Gasgeneratoren aus, was die ökologischen Versprechen der Branche konterkariert.
Die Recherche enthüllt, wie Microsoft und der Lobbyverband DigitalEurope die Energieeffizienz-Richtlinie (EED) systematisch unterwandert haben. Während die Richtlinie eigentlich Transparenz über den Wasser- und Energieverbrauch vorschreibt, nutzten die Konzerne ein Schlupfloch für Geschäftsgeheimnisse. Besonders brisant ist der Vorwurf, die Kommission habe Änderungsvorschläge von Microsoft fast wortwörtlich in den sogenannten Delegierten Rechtsakt übernommen. „Storing this data within the Commission’s database raises concerns about potential reactive data publication in response to access requests from competitors and NGOs“, warnte DigitalEurope in einem Dokument. Damit wird der Zugang zu Umweltdaten auf Ebene einzelner Standorte systematisch blockiert, was zivilgesellschaftliche Kontrolle erschwert.
Dieser Widerstand gegen die Intransparenz ist jedoch bereits Realität: In Spanien und Irland formieren sich Bürger:innen-Initiativen gegen Wasserknappheit und steigende Stromkosten. Auch in den USA wurden zahlreiche Großprojekte durch lokalen Druck gestoppt oder verzögert, was die Branche nun in Europa verhindern möchte. Die Autor:innen werfen der Kommission vor, durch das „Copy-Paste“-Verfahren ihre Rolle als neutrale Gesetzgeberin aufgegeben zu haben. Anstatt die Umweltfolgen des KI-Booms kritisch zu begleiten, scheint die EU-Exekutive die Interessen der Tech-Giganten über die Informationsrechte der Öffentlichkeit zu stellen. Auch in Deutschland werben Firmen wie Google und Amazon bereits mit Verweis auf die EU-Regeln für eine strikte Geheimhaltung ihrer Verbrauchsdaten.
Einordnung
Die Analyse besticht durch ihre präzise Rekonstruktion von Lobby-Pfaden und zeigt ein klassisches Beispiel von „Regulatory Capture“, bei dem die Regulierungsbehörde die Agenda der Industrie übernimmt. Das Framing ist klar gesetzt: Hier stehen demokratische Transparenz und ökologische Nachhaltigkeit gegen den neoliberalen Drang, das „globale KI-Rennen“ um jeden Preis zu gewinnen. Die Recherche macht deutlich, dass die technologische Souveränität Europas auf Kosten lokaler Ressourcen und grundlegender Informationsrechte der Bürger:innen erkauft werden soll. Besonders kritisch wird hervorgehoben, dass hierbei sogar die Aarhus-Konvention zum Zugang zu Umweltdaten faktisch ausgehebelt wird, um Firmeninteressen zu schützen.
Thematisch bettet sich der Text in die aktuelle Debatte um die Macht der Tech-Giganten und die Glaubwürdigkeit des europäischen Green Deals ein. Er liefert fundierte Argumente für alle, die sich kritisch mit der Digitalisierung und deren physischen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft auseinandersetzen. Der Newsletter ist absolut lesenswert für politisch Interessierte und Aktivist:innen, die verstehen wollen, wie Gesetzestexte hinter verschlossenen Türen entstehen und welche Machtverschiebung zugunsten von Big Tech derzeit in Brüssel stattfindet. Wer eine fundierte Entscheidungshilfe sucht, ob der KI-Hype ökologisch tragfähig ist, findet hier eine unverzichtbare, wenn auch beunruhigende Quelle.