Die Deutschlandfunk-Podcastfolge "Soldaten kämpfen. Soldaten verteidigen. Und manche Soldaten vergewaltigen" setzt sich mit sexualisierter Gewalt in Kriegen auseinander. Die Historikerin Regina Mühlhäuser und die Ärztin Monika Hauser sprechen über das System der japanischen "Trostfrauen" im Zweiten Weltkrieg, die Institutionalisierung sexueller Gewalt durch die Wehrmacht, die massenhaften Vergewaltigungen während des Bosnienkriegs und des Ruanda-Genozids sowie die lange juristische Anerkennung solcher Taten als Kriegsverbrechen. Die Episode zeigt, dass sexualisierte Gewalt keine Begleiterscheinung, sondern oft strategisch eingesetzte Kriegsführung sei – und bis heute unzureichend geahndet werde.
1. Sexualisierte Gewalt als systematische Kriegswaffe
Sexualisierte Gewalt werde nicht nur opportunistisch verübt, sondern systematisch als Mittel zur Einschüchterung, Bestrafung und ethnischen Säuberung eingesetzt. Wie Regina Mühlhäuser erklärt: "Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt können Teil ethnischer Säuberungen sein oder politischer Säuberungen."
2. Die langsame Anerkennung als Kriegsverbrechen
Erst 1993 habe Japan offiziell die Zwangsprostitution der sogenannten Trostfrauen anerkannt – fast 50 Jahre nach Kriegsende. Die Historikerin betont: "Es war ganz lange ein bekanntes Thema, aber es war im Grunde genommen nicht möglich darüber zu sprechen."
3. Die Rolle des Kalten Kriegs bei der Erinnerungspolitik
Die massenhaften Vergewaltigungen durch die Rote Armee 1945 seien im Westen zum politischen Instrument geworden. Mühlhäuser erklärt: "Die Vergewaltigungserfahrung der Frauen wurde zu einer Metapher für die Vergewaltigung Deutschlands durch die Sowjetunion."
4. Juristische Meilensteine nach Bosnien und Ruanda
Die Kriege in Jugoslawien und Ruanda hätten 1998 erstmals zu Urteilen geführt, die sexualisierte Gewalt als Teil von Völkermord anerkannten. Monika Hauser nennt dies "Präzedenzfälle, die endlich dieses Märchen von sexualisierter Gewalt als Kavaliersdelikt verabschiedet haben."
5. Die anhaltende Straffreiheit der Täter
Trotz aller juristischen Fortschritte seien weltweit nur "ein, zwei Handvoll von Tätern" verurteilt worden. Hauser kritisiert: "Sobald das nicht mehr auf der Agenda ist, guckt die Politik weg, auch die bosnische."
6. Die langfristigen gesellschaftlichen Folgen
Sexualisierte Gewalt zerstöre nicht nur individuelle Leben, sondern ganze Gesellschaften. Hauser warnt: "So brechen Familien, so brechen ganze Kommunen, ganze Gesellschaften auseinander und das Ziel ist erreicht, dass diese Gesellschaft nicht mehr lebens- und entwicklungsfähig ist."
Einordnung
Die Folge zeigt journalistische Reife: komplexe historische Zusammenhänge werden sorgfältig recherchiert und differenziert dargestellt. Die Expertinnen kommen ausreichend zu Wort, während Betroffene wie Iryna Dovhan oder Kim Hak-sun durch Zeugenaussagen präsent sind. Besonders bemerkenswert ist die Selbstreflexion: statt einfache Schuldzuweisungen zu machen, wird gezeigt, wie sexualisierte Gewalt auf allen Seiten verübt wurde und wie politische Interessen die Erinnerungspolitik prägten. Die klare Strukturierung von historischen Beispielen bis zu aktuellen juristischen Entwicklungen macht das Thema zugänglich ohne zu vereinfachen. Die journalistische Leistung liegt darin, systematische Gewalt sichtbar zu machen, ohne in Pornografie der Grausamkeit zu verfallen. Die Folge vermittelt nicht nur historisches Wissen, sondern auch ein Bewusstsein für die anhaltende Struktur dieser Verbrechen.
Hörempfehlung: Eine notwendige und gut recherchierte Folge, die zeigt, warum sexualisierte Gewalt in Kriegen bis heute ein strukturelles Problem bleibt – ohne voyeuristisch zu sein.