Auf der re:publica 26 diskutieren die Aktivistin Betina Kern (Omas gegen Rechts) und die Comedienne Ana Lucía Cruz Saco Lesevic über zwei parallele antifaschistische Kampagnen: eine Massenpetition für ein AfD-Verbotsverfahren mit 1,2 Millionen Unterschriften und die unterhaltsamen, aber hartnäckigen "Prüf"-Demonstrationen. Kern berichtet, sie habe als Botschafterin in Nicaragua erlebt, wie schnell eine Demokratie abgebaut werden könne, und sei deshalb im Ruhestand aktiv geworden. Cruz Saco Lesevic betont, Comedy müsse politischer werden, um Menschen zu mobilisieren. Beide Ansätze – der klassische, institutionelle Weg über Petitionen und Rechtsgutachten sowie die satirische Straßenbewegung – werden als sich ergänzend dargestellt. Das Ziel sei, über den Bundesrat ein Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht zu erwirken.

Kern: Vom Erfolg motiviert – Volksbank musste AfD-Spendenkonto schließen

Betina Kern erklärt, ihre erste Petition habe zur Schließung des AfD-Spendenkontos bei der Berliner Volksbank geführt – ein Erlebnis, das sie als Antrieb für die aktuelle Kampagne beschreibt: "…das war die erste Petition meines Lebens und ich hätte nie gedacht, dass sie Erfolg haben kann." Die Bank habe den Kontoverlust nie offiziell bestätigt, aber das Konto sei "verschwunden".

Tränen auf dem SPD-Parteitag – 660 Delegierte stimmen einstimmig für Verbotsprüfung

Die Übergabe der Petition an die SPD-Führung mündete in einen emotionalen Moment: "660 Delegierte haben ihre Hand gehoben. Es gab keine Enthaltung und keine Neinstimme. Und das hat mich so überwältigt, dass mir die Tränen gekommen sind…" Die einstimmige Zustimmung wertet Kern als Beleg für die Wirksamkeit von persönlichem Aktivismus auf Parteitagen.

"Nerven ist gut" – Prüf-Demos setzen auf Humor und Beharrlichkeit

Cruz Saco Lesevic formuliert die Strategie der Kampagne als kontinuierliche Störung: "Wir nerven einfach weiter… weil so wie es jetzt ist, kann es ja nicht weitergehen." Die Verbindung von Comedy und Aktivismus sei entscheidend, um Menschen dauerhaft zu motivieren: "Es reicht nicht mehr nur zu lachen, wir müssen auch ein bisschen was machen. Machen und Lachen."

Vier Jahre Nicaragua als Warnung – Demokratieabbau vollzieht sich schleichend

Kern zieht Parallelen zwischen ihren Beobachtungen in Nicaragua und der Situation in Deutschland. Ein autoritäres Regime habe dort "dieselben alten Mittel" genutzt wie einst die Nazis: "Man korrumpiert oder unterwandert die Justiz, man macht sich die Medien untertan." Diese Erfahrung sei der Grund, warum sie im Ruhestand "nicht ruhen" könne.

1,2 Millionen Unterschriften finanzieren juristisches Gutachten

Aus den Spenden der Petitionsunterstützer:innen wurde ein Rechtsgutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte mit fast einer Million Euro finanziert. Kern erklärt, es solle die "letzten überzeugenden Beweise" liefern, um auch die Union von einem Verbotsantrag zu überzeugen. Das Gutachten belege detailliert, welche Äußerungen der AfD zuzurechnen seien.

Generationenübergreifende Allianz: Omas und Comedians gemeinsam auf der Straße

Die Gesprächsrunde betont den generationenverbindenden Charakter der Bewegung. Cruz Saco Lesevic schwärmt von der Vielfalt der Unterstützer:innen: "Es ist ja eine Vereinigung aus so vielen verschiedenen Ecken, Künstlerinnen, Aktivistinnen… das ist fantastisch." Kern ergänzt, die Omas verzichteten bei Prüf-Demos sogar auf ihre eigenen Schilder, um die gemeinsame Forderung in den Vordergrund zu stellen.

Einordnung

Der Talk präsentiert sich als aktivistisches Erfolgsnarrativ und Mobilisierungsplattform – und genau das ist der Maßstab, an dem er gemessen werden muss, nicht journalistische Ausgewogenheit. Die Moderation durch Gregor Hackmack ist parteiisch und affirmativ, aber transparent: Er ist Mitgründer der Petitionsplattform und damit selbst Akteur, nicht neutraler Beobachter. Dies wird nicht verschleiert, sondern durch die gemeinsame Kampagnenarbeit offen ausgestellt. Die Argumentation ruht auf zwei Säulen: der emotionalen Authentizität Kerns – ihre Tränen auf dem SPD-Parteitag, das Erschrecken über Nicaragua – und der spielerischen Entschlossenheit Cruz Saco Lesevic', die "Nerven" als politische Tugend umdeutet.

Auffällig ist die völlige Abwesenheit von Gegenpositionen oder auch nur kritischen Nachfragen. Die Prämisse, die AfD sei verfassungswidrig, wird als unstreitig gesetzt; das Verbotsverfahren erscheint alternativlos. Juristische, strategische oder demokratietheoretische Einwände – etwa zur politischen Instrumentalisierung eines Verbotsverfahrens oder zu möglichen Risiken – werden nicht thematisiert. Der dominierende Frame ist der einer wehrhaften Demokratie, die mit "der letzten Waffe" gegen eine existenzielle Bedrohung kämpft. Dass damit das Mobilisierungspotential maximiert wird, ist naheliegend, blendet aber die Komplexität verfassungsrechtlicher Verfahren aus. Das Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte wird als objektive Klärungsinstanz präsentiert, obwohl es aus dem aktivistischen Lager selbst beauftragt wurde – eine nicht unproblematische Vermischung von wissenschaftlichem Anspruch und politischer Kampagne.

Gesellschaftlich relevant ist der Talk als Dokument einer sich professionalisierenden Protestbewegung, die Petitionsplattformen, Crowdfunding, juristische Expertise und popkulturelle Formate strategisch verknüpft. Die Omas gegen Rechts verleihen moralische Autorität und generationelle Tiefe, die Comedians liefern Reichweite und leichte Anschlussfähigkeit. Machtkritisch ließe sich fragen, ob hier nicht eine durchweg weiße, bildungsbürgerliche Bewegung spricht, die den Kampf gegen Rechts als Konsensprojekt der "Mitte" inszeniert und marginalisierte Perspektiven – etwa von direkt von Rassismus Betroffenen – eher symbolisch integriert. Die Inszenierung auf der re:publica-Bühne mit professioneller Videovorschau und Spenden-QR-Codes unterstreicht den hybriden Charakter zwischen politischem Aktivismus und Kampagnen-Marketing. Sehwerte: Wer verstehen möchte, wie zeitgenössische antifaschistische Mobilisierung funktioniert und wie sie ihre Narrative baut, findet hier ein aufschlussreiches, wenn auch völlig unkritisches Fallbeispiel.