In dieser Episode von 99 ZU EINS diskutieren Hannah und der Autor Timo Daum über dessen Buch „Lob der Überwachung". Das Gespräch kreist um die Frage, ob Überwachung zwingend negativ verstanden werden muss. Daum plädiere für eine Perspektive, die Überwachung nicht nur als Herrschaftsinstrument (Control), sondern auch als eine Form der Fürsorge (Care) begreife. Er argumentiere, die übliche linke Abwehrhaltung speise sich aus bürgerlichen Konzepten von Privatsphäre und Datenschutz, die historisch eng mit der Entstehung des Privateigentums verknüpft seien und gesellschaftliche Ungleichheiten eher verschleierten als bekämpften.

Zentrale Punkte

  • Überwachung als bürgerliche Kategorie Der Begriff der Privatsphäre sei seiner Darstellung nach keine universelle Errungenschaft, sondern mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Durchsetzung des Privateigentums entstanden – ein patriarchaler Schutzraum des Hausherrn, der innerfamiliäre Machtverhältnisse lange unsichtbar gemacht habe.
  • Die Ungleichheit der Transparenz Vor dem Gesetz formal gleiche Rechte auf Schutz der Privatsphäre würden durch ökonomische Zwänge ausgehöhlt; so sei etwa finanzielle Intransparenz ein Privileg Vermögender, während Geringverdienende oder Obdachlose viel stärkerer Kontrolle und erzwungener Transparenz ausgesetzt seien.
  • Die linke Falle des Cyberlibertarismus Mit Forderungen wie „Meine Daten gehören mir“ mache sich die Linke unbewusst einen individualistischen Abwehrreflex zu eigen und gerate in gefährliche Nähe zu einem silicon-valley-geprägten Antietatismus, statt Überwachung als potenziell gesellschaftlich nützliche „Produktivkraft“ neu zu denken.

Einordnung

Das Gespräch besticht durch seine theoriegeleitete, aber an konkreten Beispielen reiche Argumentation. Hannahs zurückhaltende Moderation und ihre präzisen Nachfragen geben Daum den Raum, seine komplexe These historisch-materialistisch zu entfalten – von Marx‘ Fabrik-Panoptikum über feministische Kritik an der Trennung der Sphären bis hin zu skandinavischen Steuertransparenz-Modellen. Gerade der Nachweis, dass der Schutz von Privatheit selektiv gewährt wird und der stumme Zwang der Ökonomie oft tiefere Einschnitte bedeutet als staatliche Datenerhebung, ist eine starke Intervention gegen den Common Sense.

Allerdings bleibt die titelgebende Provokation – das tatsächliche „Lob“ – seltsam unkonkretisiert. Wie eine „befreite“ Überwachung in einer postkapitalistischen Gesellschaft konkret organisiert sein soll und wer in ihr die Definitionsmacht über die als fürsorglich beanspruchten Kontrollformen hätte, wird nicht entfaltet. Der berechtigte Einwand, dass staatliche Überwachung für marginalisierte Gruppen reale Repression bedeutet, wird zwar benannt, aber mit dem Verweis auf eine abstrakte „Care“-Funktion letztlich entkräftet. Die Gefahr, dass Emanzipationsversprechen hier ungewollt Entgrenzungen von Kontrolle legitimieren könnten, wird kaum problematisiert. „Der Reflex, den wir alle haben, [Überwachung] als staatlichen Eingriff in die Privatsphäre [...] zu sehen [...] ist ja auch total gerechtfertigt“, räumt Daum zunächst ein, doch die Analyse verharrt in einer grundsätzlichen Ambivalenz, ohne Kriterien für eine emanzipatorische Praxis daraus abzuleiten.

Hörempfehlung: Lohnend für alle, die einfache Antworten zum Thema digitale Selbstbestimmung überwinden und das Verhältnis von Privatheit, Eigentum und Emanzipation fundamental neu denken wollen.

Sprecher:innen

  • Hannah – Moderatorin des Podcasts 99 ZU EINS
  • Timo Daum – Physiker, Autor und Dozent mit Schwerpunkt digitaler Kapitalismus