Roger Köppel und sein Kollege Lenny Fischer nehmen eine Lagebeurteilung der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten vor. Im Zentrum steht die These einer „Großmachtdämmerung": Moderne Drohnentechnologie und künstliche Intelligenz hätten das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld revolutioniert und den Verteidiger gegenüber dem kostspieligen, kapitalintensiven Militärapparat des Angreifers massiv gestärkt. Die Diskussion bewegt sich dabei fast ausschließlich im Rahmen einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse, wobei die politische und moralische Einordnung der Kriege bewusst ausgeklammert und stattdessen die vermeintliche strategische Irrationalität der europäischen Politik betont werde.

Zentrale Punkte

  • Neue Ökonomie des Krieges Drohnen veränderten das Kräfteverhältnis radikal. Der Verteidiger könne mit geringen Kosten großen Schaden anrichten, während der Angreifer mit gigantischem Ressourcenaufwand kaum vorankomme. Dies führe zu einer strategischen Pattsituation und entwerte klassische, teure Waffensysteme wie Panzer und Kriegsschiffe.
  • Russland in der Sackgasse Putin stecke militärisch fest und habe sein Ziel, die Ukraine schnell zu besiegen, klar verfehlt. Er könne sich eine Niederlage nicht leisten, aber auch keine Totalmobilmachung wagen. Dadurch entstehe ein gefährlicher Moment: Entweder müsse Russland einen Kompromiss suchen oder aus Staatsräson massiv eskalieren – bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen.
  • Europas strategisches Versagen Die EU und insbesondere Deutschland betrieben eine Politik der Konfrontation, die ökonomisch einem „schleichenden Selbstmordversuch" gleichkomme. Statt auf Frieden und Kooperation mit dem rohstoffreichen Russland zu setzen, schwelge man in einem gefährlichen Triumphalismus und treibe Russland in die Arme Chinas, was fundamental gegen europäische Interessen verstoße.
  • Pragmatismus der Großmächte Die eigentlichen Gewinner seien die Chinesen, die als pragmatische, ökonomisch denkende Macht kein Interesse an einer Eskalation hätten. Sie lernten aus den Fehlern Russlands und Amerikas. Auch Trump zeige als Geschäftsmann die richtige Zurückhaltung, da sich Krieg – wie die festgefahrene Lage der USA im Iran-Konflikt beweise – schlicht nicht mehr lohne.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt in der Herausarbeitung eines interessanten, oft vernachlässigten Aspekts: der Verschiebung der militärisch-ökonomischen Kräfteverhältnisse durch neue Technologien. Die Beobachtung, dass hochgerüstete Armeen in asymmetrischen Konflikten an ihre Grenzen stoßen, ist ein relevanter Diskussionsbeitrag. Fischer und Köppel formulieren pointiert und kennen die historischen Analogien, die sie zur Untermauerung ihrer Argumentation heranziehen.

Die Analyse bleibt jedoch einem sehr verengten Blickwinkel verhaftet. Das gesamte Konfliktgeschehen wird fast ausschließlich durch eine wirtschaftliche Brille betrachtet, was zu erheblichen blinden Flecken führt: Die menschlichen Kosten der Kriege, völkerrechtliche Fragen oder die politische Selbstbestimmung von Nationen spielen kaum eine Rolle. Diese ökonomische Perspektive wird als alternativloser Realismus dargestellt, während gegenteilige, etwa wertebasierte politische Entscheidungen als irrational abgetan werden. Zudem übernimmt die Diskussion an entscheidender Stelle unhinterfragt die russische Perspektive, etwa wenn die NATO-Osterweiterung als eigentliche Kriegsursache genannt wird. Die scharfe Kritik an der EU und der Person Selenskis („Affenliebe") ist im Duktus polemisch und verstellt den Blick auf die Komplexität der Interessen. Während der Aggressor Russland als ein zwar strauchelnder, aber in seinen Sicherheitsinteressen verständlicher Akteur gezeichnet wird, erscheint die angegriffene Ukraine vor allem als Profiteur westlicher Gelder und potenziell unzuverlässiger Partner. Diese Asymmetrie in der Bewertung verschiebt die Täter-Opfer-Perspektive unauffällig, aber deutlich.

Hörwarnung: Die Episode präsentiert eine stark einseitige, russlandverstehende Sichtweise als „die andere Sicht". Die Relativierung des russischen Angriffskriegs und die Abwertung der ukrainischen Führung erfordern beim Hören ein hohes Maß an kritischer Distanz.

Sprecher:innen

  • Roger Köppel – Chefredaktor und Herausgeber der Weltwoche
  • Lenny Fischer – Kolumnist und Kommentator der Weltwoche