In dieser Episode von „Neustart“ spricht Host Meike Laaff mit dem Digitalredakteur Titus Blome über die zunehmende Verflechtung von großen Tech-Unternehmen und dem US-Militär. Ausgehend von der Beobachtung, dass aus anfänglichem Widerstand gegen Rüstungskooperationen, wie 2017 bei Googles „Project Maven“, inzwischen ein regelrechter „Defensetech-Boom“ geworden sei, rekonstruiert das Gespräch die Ursachen dieses Wandels. Dabei wird die Entwicklung nicht als plötzlicher Richtungswechsel, sondern als eine Rückkehr zu den militärisch-industriellen Wurzeln des Silicon Valley eingeordnet. Besonders auffällig ist die Art und Weise, wie die beteiligten Akteure – vom Unternehmen Palantir bis zum Drohnenbauer Anduril – ihre Arbeit sprachlich einbetten: nicht allein als Geschäft, sondern als patriotische und moralische Pflicht.

Zentrale Punkte

  • Rückkehr zu den militärischen Wurzeln Der Schwenk hin zu Rüstungsaufträgen sei keine neue Entwicklung, sondern ein Ende der Ausnahmeperiode nach dem Kalten Krieg. Bereits die frühe Kybernetik und das Internet (Arpanet) seien militärisch finanziert worden. Die Phase der Skepsis nach den 1990ern weiche nun einer als selbstverständlich dargestellten engen Kooperation zwischen Tech-Firmen und dem wieder „Kriegsministerium“ genannten Pentagon.
  • Patriotismus als Verkaufsargument und Vision Tech-CEOs wie Alex Karp (Palantir) würden eine klare politische Haltung vertreten und argumentieren, das Silicon Valley schulde den USA für seine Erfolge eine moralische Pflicht zur Landesverteidigung. Diese Rhetorik, die als anschlussfähig zur Trump-Regierung beschrieben wird, verbinde sich mit einem breiteren Wertewandel, der mit Begriffen wie „maskuline Energie“ spiele und ein Gegenbild zu einer als dekadent empfundenen Gesellschaft entwerfe.
  • Wirtschaftlicher Boom und staatliche Abhängigkeit Venture-Capital-Investitionen in Defense-Startups haben sich explosionsartig vervielfacht, weil der Staat als ultimativer, vom Produkt abhängiger Kunde gelte. Firmen wie SpaceX oder Palantir würden sich durch „Lock-in-Effekte“ unentbehrlich machen, weil sie dem Militär grundlegende Infrastruktur oder Datenanalyse bereitstellen, die der Staat selbst nicht mehr beherrsche oder nicht ohne Weiteres ersetzen könne.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine kenntnisreiche und differenzierte historische Einordnung der aktuellen Dynamik. Indem Blome auf die lange Geschichte militärischer Finanzierung im Silicon Valley verweist, widerlegt er überzeugend die vereinfachende Erzählung eines plötzlichen „Weißshifts“. Die Analyse der ideologischen Unterfütterung durch CEO-Manifeste, die je nach Autor zwischen Wunsch nach einem neuen nationalen „Wir“ und dem Aufruf zu einer neuen Industriepolitik changieren, deckt ideologische Leerstellen auf. Deutlich wird die Problematik, wenn patriotische Rhetorik und die Suche nach Profit so eng verwoben werden, dass die eigentliche Frage nach der Sicherheit und Kontrolle der eingesetzten Hochrisikotechnologie zur Nebensache wird.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Perspektive derer, die von diesen Waffensystemen potenziell betroffen sind, im gesamten Gespräch ausgeklammert bleibt. Zwar wird die Gefahr von Fehlfunktionen benannt, doch die ethische Debatte verbleibt aufseiten der Produzenten und ihrer Selbstrechtfertigungen. Die Argumentation, die Weltlage mache diese Aufrüstung nötig, wird von den Gesprächspartnern als „verführerisch“ und „durchaus nachvollziehbar‘“ eingeordnet, ohne dass die Gegenargumente – etwa eine globale Rüstungsspirale oder die Unkontrollierbarkeit autonomer Systeme – ähnlich konkret ausbuchstabiert würden. Das Zitat „Die Suche nach dem Wir oder die Suche nach der Industriepolitik [müsste] nicht zwangsläufig darin münden, okay, dann bauen wir jetzt autonome Killerroboter“ (Titus Blome) macht diese argumentative Lücke sichtbar, ohne dass das Gespräch sie systematisch weiterverfolgt.

Sprecher:innen

  • Meike Laaff – Host des ZEIT-Digitalpodcasts „Neustart“
  • Titus Blome – Redakteur im Digitalressort der ZEIT