Der anonyme Autor von Notes From The Circus, ein Ex-Tech-Manager mit linksliberaler Haltung, legt eine fundamentale Kritik am Begriff der Künstlichen Intelligenz vor. Seine Kernthese: Wir haben keine KI erfunden, sondern lediglich das, was er philosophisch präzise als "automatische Übersetzung" bezeichnet. Der Unterschied sei nicht technisch, sondern kategorisch. Wahre Intelligenz, so argumentiert er mit Verweis auf Aristoteles, sei stets auf ein Ziel ausgerichtet – die Eudaimonia, das gelingende, gute Leben. Ein intelligentes System erkenne das Gute und steuere darauf zu, es verbessere sich selbst durch innere Motivation und benötige mit der Zeit weniger, nicht mehr externe Hilfe.
Genau hier setzt seine empirische Widerlegung des KI-Narrativs an. Er zitiert eine aktuelle Recherche von More Perfect Union über die Lieferkette der KI-Datenarbeit im Jahr 2026. "Mercor, Scale AI, Surge AI, and other contractors are running a global supply chain of college graduates, philosophy majors, Ivy League PhDs on food stamps, doing the cognitive labor that is then marketed as the output of an autonomous system." Die Abhängigkeit der großen Sprachmodelle von menschlicher Expertise nehme mit jeder neuen Generation nicht ab, sondern katastrophal zu. Dies sei der thermodynamische Fingerabdruck einer Nicht-Intelligenz, deren Skalierungshypothese damit empirisch widerlegt sei.
Auch vermeintliche Durchbrüche wie die Entdeckung von Zero-Day-Exploits deutet der Autor radikal um. Es handle sich nicht um geniale Einsicht, sondern um schiere Mustererkennung in einem Datenraum, den kein Mensch überblicken könne. Das System habe keine ethische Orientierung; es liefere die Analyse für einen Sicherheitspatch mit derselben Gleichgültigkeit wie den Code für den Angriff. Die Orientierung komme allein von der Person an der Tastatur. Für den Autor ist das der Beweis, dass die Maschinen keine Zwecke verfolgen. Die Zuschreibung von "Halluzination" sei nur ein Eingeständnis dieses Mangels, das aber nicht als solches erkannt werde.
Der politische und wirtschaftliche Schaden dieser Kategorienverwechslung sei immens. Der Begriff "Künstliche Intelligenz" sei kein harmloses Marketing, sondern die Legitimationsgrundlage für ein gigantisches Extraktionssystem. Er rechtfertige Milliardenbewertungen, politische Deregulierung und die Ausbeutung einer globalen kognitiven Arbeiter:innen-Unterklasse als "temporäres Gerüst" auf dem Weg zur angeblich autonomen Maschine. Korrigiere man die Kategorie, breche dieses politökonomische Kartenhaus in sich zusammen: "Correct the category error and the political settlement collapses."
Einordnung
Der Newsletter ist ein intellektuell brillantes und rhetorisch meisterhaftes Plädoyer, das mit philosophischer Wucht die beruhigenden Narrative der Tech-Industrie demontiert. Seine Stärke liegt in der Verknüpfung von aristotelischer Philosophie mit harten, empirischen Fakten zur Arbeitsausbeutung – ein Schachzug, der die Debatte vom technischen Feature-Vergleich auf die Ebene politischer Machtfragen hebt. Die bewusste Einseitigkeit ist Programm: Der Autor will nicht abwägen, sondern den Leser:innen eine entscheidende begriffliche Waffe in die Hand geben. Ausgeblendet werden dabei alternative Definitionen von Intelligenz oder die Möglichkeit, dass menschenähnliche Zielorientierung vielleicht nur eine von vielen Formen der Intelligenz sein könnte. Die Analyse pathologisiert zudem die Motive der gesamten Branche als reinen, zynischen Marketingbetrug.
Die Leseempfehlung gilt all jenen, die eine fundamentale, philosophisch geschliffene Gegenposition zum allgegenwärtigen KI-Hype suchen und verstehen wollen, wie Sprache Machtverhältnisse verschleiert. Der Text ist eine notwendige Provokation für eine überhitzte Debatte. Für Leser:innen, die eine neutrale Technologiebewertung oder eine echte Auseinandersetzung mit den Argumenten der KI-Befürworter:innen erwarten, ist er hingegen ungeeignet.