Der POLITICO-Berlin-Playbook-Podcast begleitet Hörer:innen mit Chefredakteur Gordon Repinski und seinem Team täglich durch die Hauptstadtpolitik. In dieser 40-minütigen Spaziergangs-Episode spricht Repinski mit Karsten Wildberger, dem ersten deutschen Digital- und Staatsmodernisierungsminister. Wildberger, zuvor CEO von MediaMarktSaturn, erläutert seinen Vier-Punkte-Plan zur Digitalisierung Deutschlands.
1. Digitale Brieftasche für alle Bürger:innen bis Q1 2027
Wildberger kündigt an, dass die digitale Wallet im ersten Quartal 2027 live gehen werde. Damit könnten Personalausweis und Führerschein künftig auf dem Smartphone gespeichert werden. "Die Wallet steht nämlich, wie wollen wir uns identifizieren in einer digitalen Welt in einer sicheren Form?" Die Lösung werde europaweit kompatibel sein und als Basis für ein europäisches Bezahlsystem dienen.
2. Vier-Punkte-Plan zur Entbürokratisierung
Der Minister skizziert vier Puzzleteile: erstens die flächendeckende Ausrollung bestehender digitaler Bürgerleistungen, zweitens die Zentralisierung dezentraler Services wie KFZ-Anmeldungen, drittens die Modernisierung digitaler Anwendungen mit KI-Unterstützung und viertens die Entwicklung eines Anschlusses für Bürger:innen durch die digitale Wallet.
3. Keine Faxgeräte mehr im Ministerium
Als symbolischen Akt für die Entbürokratisierung erklärt Wildberger: "Wenn es bei uns im Haus ist, geht's raus. [...] Wenn das Fenster sicher ist, geht's aus dem Fenster." Diese Aussage stehe stellvertretend für den grundsätzlichen Mentalitätswandel, den er vorantreiben möchte.
4. Altersgrenzen für Social Media sollen kommen
Wildberger unterstützt die Pläne seiner Kabinettskollegin Karin Prien für Altersgrenzen bei Social Media: "Ich halte das für einen wichtigen Baustein." Die Umsetzung könne noch in dieser Legislaturperiode erfolgen, wobei man sich an skandinavischen Vorbildern orientiere.
5. Mehr Begeisterung für KI und Innovation in Deutschland
Der Minister kritisiert die deutsche Zurückhaltung: "Wir reden immer von dem Land der Erfinder und der Tüftler. [...] Aber wir entfalten überhaupt nicht das Potenzial, weil wir direkt sagen, ja, aber kriegen wir das denn hin?" Deutschland müsse wieder mehr Mut und Neugier für neue Technologien entwickeln.
6. Transatlantische Spannungen bei Digitalsteuer offen
Wildberger äußert sich vorsichtig zu möglichen Steuern auf US-Digitalkonzerne: "Die Frage ist berechtigt und dann müssen wir eine Lösung finden [...] Meine Priorität liegt aktuell woanders." Die Thematik sei Teil eines "breiteren Straußes" offener Fragen in der Digitalökonomie.
Einordnung
Die Episode präsentiert sich als professionelles Interviewformat mit klarem journalistischen Anspruch. Repinski führt Wildberger durchs Gespräch, stellt gezielt nach und konfrontiert ihn mit möglichen Konflikten – etwa bei der Frage nach der Digitalsteuer. Die Machart ist typisch für POLITICO: sachlich, gut recherchiert, ohne große Showelemente. Wildberger nutzt das Format geschickt, um seine politischen Botschaften zu platzieren, bleibt aber stets sachlich. Besonders bemerkenswert ist die Offenheit, mit der der Ex-Manager seine Lernkurve in der Politik beschreibt – von der anfänglichen Unsicherheit bis zum bewussten Umgang mit dem Beamtenapparat. Die Spaziergang-Metapher funktioniert gut, um die Komplexität der Digitalpolitik greifbar zu machen. Kritisch anzumerken: Die Perspektive bleibt durchgehend auf die Bundesregierung fokussiert, während die Ebene der EU oder konkreter Zivilgesellschaft kaum vorkommt. Die Episode bietet einen soliden Einblick in die Digitalagenda der neuen Bundesregierung, ohne zu tief in technische Details zu gehen.