Ethan Mollick berichtet in seinem neuesten Newsletter über seine exklusiven Erfahrungen mit GPT-5.5 und konstatiert, dass die technologische Entwicklung keineswegs stagniert, sondern sich massiv beschleunigt. Er stellt fest, dass die neuen Modelle nicht nur schneller, sondern in ihren Fähigkeiten deutlich präziser geworden sind, auch wenn die sogenannte „gezackte Grenze“ (jagged frontier) der KI-Kompetenz weiterhin existiert. Mollick nutzt drei Kernkonzepte – Modelle, Apps und „Harnesses“ (Werkzeug-Anbindungen) –, um die aktuelle technologische Landschaft und deren Zusammenwirken zu beschreiben. Besonders hervorzuheben ist die Leistungssteigerung bei komplexen Aufgaben wie dem Coding einer prozeduralen 3D-Simulation oder der Erstellung kompletter Fachartikel aus unstrukturierten Rohdaten. Die KI übernimmt hierbei nicht nur die Datenverarbeitung, sondern führt Literaturrecherchen durch und nutzt fortgeschrittene statistische Methoden, die laut Mollick das Niveau eines fortgeschrittenen Doktoranden erreichen.
Ein zentrales Beispiel in Mollicks Analyse ist die Fähigkeit von GPT-5.5, innerhalb von nur 20 Minuten eine visuell ansprechende Simulation einer historischen Stadtentwicklung zu programmieren. Mollick unterstreicht dabei den kontinuierlichen Fortschritt mit einem prägnanten Zitat: „The jagged frontier is still there. It is just much further out than it used to be.“ Diese Metapher verdeutlicht, dass die KI zwar immer mächtiger wird, aber in spezifischen Bereichen wie der Langform-Fiktion oder bei wirklich originellen Hypothesen noch immer an ihre Grenzen stößt. Ein weiteres Experiment umfasst die Erstellung eines kompletten, 101-seitigen Pen-and-Paper-Rollenspiels inklusive Illustrationen und simulierten Spieltests. Trotz dieser beeindruckenden technischen Ergebnisse kritisiert Mollick den Schreibstil der KI in kreativen Texten als oft unnatürlich, repetitiv und mit seltsamen, überladenen Metaphern versehen.
Die Integration von Bildgenerierungstools, die nun auch komplexen Text fehlerfrei in Grafiken einbetten können, markiert für Mollick einen Wendepunkt für professionelle Anwendungen wie Produktdesigns oder komplexe Präsentationen. Er stellt klar, dass die Geschwindigkeit der Fortschritte in jedem neuen Release-Zyklus eher zu- als abnimmt und ehemals unmögliche Aufgaben nun trivial geworden sind. Die Fähigkeit der KI, komplexe akademische Arbeiten mit minimalem Aufwand zu verfassen, zeigt laut Mollick die enorme Transformation der Wissensarbeit auf. Er resümiert die Entwicklung wie folgt: „GPT-5.5 shows us that the models keep getting smarter, the apps keep getting more capable, and the harnesses keep getting better.“ Dennoch bleibt für ihn die menschliche Expertise entscheidend, um die Qualität und die Relevanz der generierten Ergebnisse, insbesondere im wissenschaftlichen Kontext, abschließend zu bewerten.
Einordnung
Mollick schreibt aus der Perspektive eines akademischen Pioniers, der eng mit der KI-Entwicklung vernetzt ist, was eine deutliche Begeisterung für technologische Lösungen impliziert. Seine Analyse konzentriert sich fast ausschließlich auf individuelle Effizienzgewinne und funktionale Fähigkeiten, während gesellschaftliche Implikationen wie Arbeitsplatzverluste, Urheberrechtsfragen oder ökologische Kosten der Rechenleistung ausgeblendet werden. Der Text folgt einem techno-optimistischen Narrativ, das Fortschritt primär durch die Überwindung technischer Hürden definiert. Kritische Perspektiven zur Monopolisierung von Wissen durch KI-Giganten fehlen gänzlich. Mollicks Fokus liegt auf der individuellen Produktivitätssteigerung, was eine neoliberale Sichtweise auf Wissensarbeit und akademische Leistung widerspiegelt, in der die Quantität des Outputs oft über die Tiefe des Inhalts gestellt wird.
Dieser Newsletter ist dennoch eine unverzichtbare Lektüre für Führungskräfte, Akademiker:innen und Bildungsexpert:innen, die verstehen wollen, wie radikal sich Arbeitsprozesse durch die nächste KI-Generation verändern. Mollick bietet wertvolle, praxisnahe Einblicke in die Leistungsfähigkeit neuer Systeme, erfordert jedoch von der Leserschaft eine kritische Distanz gegenüber seiner technikzentrierten Euphorie. Wer eine tiefergehende ethische Auseinandersetzung sucht, wird hier enttäuscht, erhält aber eine präzise und fundierte Vorschau auf die kommenden technischen Möglichkeiten. Die Leseempfehlung gilt für alle, die strategische Entscheidungen im Bereich Technologie und Wissensmanagement treffen müssen.