Der Krieg endete 1945, doch in vielen Familien wirke er bis heute fort, führt das SWR-Wissenschaftsfeature aus. Unbewältigte Traumata der Eltern und Großeltern würden als unbewusste „Gefühlserbschaften" an die Nachfahren weitergereicht – durch Mimik, Gestik und ein lähmendes Schweigen. Im Zentrum stehen zwei exemplarische Familiengeschichten: die Holocaust-Überlebende Eva Sepechi und ihre Tochter Anita Schwarz sowie Markus Degerich, dessen Vater als Kind aus Schlesien fliehen musste. Durch Gespräche mit Psychologinnen und Psychotraumatologen wird das Konzept der transgenerationalen Weitergabe ausgeleuchtet. Als unhinterfragte Prämisse zieht sich durch den Beitrag: Darüber zu sprechen sei der Schlüssel zur Heilung, während Nicht-Kommunikation die Belastung potenziere.
Zentrale Punkte
- Trauma wird unbewusst übertragen Nachkommen nähmen diffuse Ängste, Phobien und körperliche Symptome in sich wahr, die sie zunächst nicht mit dem elterlichen Trauma in Verbindung brächten. Diese nicht ausgesprochenen, aber ständig spürbaren emotionalen Lasten führten zu Verhaltensmustern wie Parentifizierung oder chronischem Unwohlsein.
- Biologische Spuren sind möglich Epigenetische Studien legten nahe, dass extremer mütterlicher Stress während der Schwangerschaft über Hormone wie Cortisol Spuren im Kind hinterlassen könne. Diese seien jedoch im Menschen kaum über mehrere Generationen nachweisbar und würden von vielen Psychotherapeut:innen skeptisch betrachtet.
- Reden und Verstehen entlastet Durch Therapie, Reisen zu den Orten der Eltern oder den offenen Austausch könnten die Betroffenen die bleierne „Schwere" mindern. Ahnungen und ausgemalte Fantasien nähmen der unerträglichen Ungewissheit die zerstörerische Macht, besonders wenn die konkreten Fakten ausgesprochen würden.
Einordnung
Die Stärke dieses Features liegt in seiner dichten Verflechtung von persönlicher Erzählung und wissenschaftlicher Einordnung. Die teils rohen Berichte von Eva Sepechi, Anita Schwarz und Markus Degerich verleihen dem psychologischen Konstrukt eine eindringliche, nachvollziehbare Tiefe. Die Autorenschaft lässt unterschiedliche Disziplinen zu Wort kommen – von der Psychoanalyse über die Psychotraumatologie bis zur Epigenetik – und betont die Individualität der Verarbeitung, was einer pauschalisierenden Opfererzählung entgegenwirkt.
Kritisch anzumerken ist, dass das Narrativ „Schweigen macht krank, Reden heilt" als alleingültiger Lösungsweg präsentiert wird. Dass das Reden oder Konfrontiertwerden mit dem Erlittenen für die völlig überforderten Eltern eine eigene Gewalt bedeuten konnte, wird kaum problematisiert. Zwar wird die Schuld der Täter:innennachkommen kurz erwähnt, doch der Fokus verbleibt stark auf den Nachfahren der Verfolgten; die Frage, wie erlebte Mittäterschaft oder ideologische Verstrickung transgenerational nachwirkt, bleibt oberflächlich. Ein zentrales Zitat verdeutlicht den behandelten Mechanismus: „Wenn ich etwas in mir trage, was ein naher Angehöriger erlebt und erlitten hat, was er selbst nicht verarbeiten konnte, aber auf diesem indirekten Weg an mich weitergegeben hat und ich kann das verarbeiten und bin plötzlich befreit davon, dann fühlt sich das plausibel an."
Hörempfehlung: Für alle, die die Nachwirkungen der NS-Zeit im Privaten verstehen wollen, bietet diese Folge einen berührenden und fachlich fundierten Zugang.
Sprecher:innen
- Silvia Plahl – Autorin und Sprecherin des Features, SWR
- Angela Moré – Sozialpsychologin und Gruppenanalytikerin
- Eva Sepechi – Holocaust-Überlebende, Zeitzeugin
- Anita Schwarz – Tochter einer Holocaust-Überlebenden
- Markus Degerich – Sohn eines Kriegskindes aus Schlesien
- Harald Schickedanz – Psychotraumatologe und Psychosomatiker
- Sonja Entringer – Psychobiologin, Charité Berlin