Die Episode dokumentiert ein Radiogespräch, das während des Kiosk Festivals in einer Bäckerei auf St. Pauli aufgezeichnet wurde. Die Organisatorinnen und Gäste des Festivals diskutieren ihre künstlerische Praxis abseits etablierter Institutionen. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass kulturelle Räume fehlen, dass institutionelles Gatekeeping marginalisierte Künstler:innen ausschließt und dass gemeinschaftliche, nicht-kommerzielle Kunstproduktion per se erstrebenswert sei. Das Gespräch bewegt sich um die Frage, wie Kultur an halb-öffentlichen Alltagsorten stattfinden und dabei Beziehungen in der Nachbarschaft stärken könne, ohne eine reine Gegenkultur zu reproduzieren.

Zentrale Punkte

  • Festival als Beziehungsarbeit Das Festival solle fließende Formate ohne Bühne und ohne Trennung von Publikum und Kunst schaffen. Die Auswahl der Orte – ein Café, ein Blumenladen, ein Friseursalon – beruhe auf persönlichen Beziehungen und der Einladung der Betreibenden, nicht auf einer Bespielung von außen.
  • Orte der parallelen Gemeinschaften St. Pauli wird als ein Stadtteil beschrieben, in dem viele unterschiedliche migrantische und lokale Gemeinschaften parallel existierten, aber wenig Berührungspunkte hätten. Das Festival wolle an diesen Schnittstellen "Interruptionen" und Austausch ermöglichen, wobei die Kioske selbst zu gehosteten Räumen würden.
  • Diversität ohne starre Kategorie Anstatt den Migrationshintergrund der Künstler:innen theoretisch zu konzeptualisieren, sei die gelebte Mehrsprachigkeit und die alltägliche Aushandlung von Zugehörigkeit selbst die Praxis. Der Begriff "Migrationshintergrund" wird als temporal und fluide problematisiert, die gemeinsame Arbeit als multiperspektivischer Prozess verstanden.

Einordnung

Das Gespräch bietet einen dichten Einblick in selbstorganisierte Kulturarbeit, die ihre eigenen Rahmenbedingungen – prekäre Räume, Beziehungsökonomie, politische Selbstverortung – offen thematisiert. Es lebt von der Reflexion der eigenen Praxis: Die Kuratorinnen benennen das Dilemma, mit öffentlichen Geldern zu arbeiten, ohne die Orte ökonomischen Risiken auszusetzen, und erklären den bewussten Verzicht auf eine vorschnelle theoretische Vereinnahmung von Diversität. Diese Selbstreflexivität ist die Stärke der Episode.

Auffällig ist die weitgehende Aussparung der Frage, was mit jenen Orten im Viertel passiert, die nicht Teil dieser solidarischen Community werden können oder wollen. Die Aufwertungsdynamiken St. Paulis und ihre Auswirkungen auf migrantische Ökonomien werden gestreift, aber nicht vertieft diskutiert. Zudem wird der Begriff der Gegenkultur von einem Gast stark aus einer US-amerikanischen Perspektive dekonstruiert, während die spezifisch deutschsprachige Traditionslinie des Begriffs unerwähnt bleibt. Dass "Gegenkultur" möglicherweise ausschließend wirke, wie es in einem zentralen Statement heißt – "if there is no counter, then there is no integration, there is just diversity" –, ist ein produktiver Gedanke, der jedoch nicht zu Ende geführt wird, da das Gespräch an dieser Stelle abbricht.

Sprecher:innen

  • Loscha – Moderator von Tamizdat Radio
  • Danja Burchardt – Mit-Organisatorin des Kiosk Festivals, Künstlerin
  • Lena Leskova – Mit-Organisatorin des Kiosk Festivals, Teil des kuratorischen Teams
  • Denis Esakov – Mitglied des Kollektivs de_coloniaLanguage, Berlin
  • Marina Solntseva – Mitglied des Kollektivs de_coloniaLanguage, politische Theoretikerin
  • Juri – Gast, Beobachter der Hamburger Kulturszene