Das Video von COMPACT-TV berichtet vom „Affuera-Fest“ in Gerlebogk, Sachsen-Anhalt, dem nach eigenen Angaben größten Festival der libertären Bewegung auf deutschem Boden. Moderiert wird der Beitrag von Person 1, die verschiedene Protagonist:innen der Szene interviewt. Zu den Gesprächspartner:innen gehören unter anderem Person 5 und Person 7 (Mitentwickler des Konzepts der „Freien Privatstädte“), Person 8 (ehemalige AfD-Politikerin), Person 6 (ein Bitcoin-Barber) sowie Person 2, ein YouTuber und Veranstalter von Workshops. Im Zentrum des Beitrags stehen die Ideen des Anarchokapitalismus, Kritik am deutschen Staat und an Steuern, das Modell privater Stadtgründungen sowie gesellschaftliche und geopolitische Fragen.

1. Das Konzept freier Privatstädte als Alternative zum staatlichen System

Es werde diskutiert, dass sogenannte „freie Privatstädte“ von privaten Unternehmen verwaltet würden und Vertragsbürger:innen gegen eine Gebühr Schutz, Eigentumssicherheit und eine unabhängige Rechtsprechung garantieren sollten. Person 7 erkläre dazu: „Eine freie Stadt oder freie Privatstadt ist einfach ein Gebilde, was von einem privaten Unternehmen verwaltet wird und das jedem Vertragsbürger […] anbietet […] Schutz von Freiheit, Leben und Eigentum zu genießen.“ Kritische Einwände, dass solche Modelle zu exklusiven „Gated Communities“ für Reiche führen könnten, würden von den Befürworter:innen zurückgewiesen, da die Lebenshaltungskosten vergleichbar günstig und für alle Einkommensgruppen zugänglich seien.

2. Fundamentale Kritik an Steuern und staatlichen Strukturen

Die befragten Akteur:innen verträten die Auffassung, dass der moderne Staat maßlos aufgebläht sei und Steuern grundsätzlich als illegitim angesehen werden müssten. Person 5 formuliere diesen Kernanspruch der Bewegung wie folgt: „Liberalismus bedeutet nicht mehr das, was es ursprünglich mal bedeutet hat, nämlich die Freiheit Eigentum an mir selbst zu haben […] und in dem Zuge sagen wir ganz klar, Steuern sind auch Raub und sind klar illegitim“. Ergänzend dazu schildere Person 2 die wirtschaftliche Lage Deutschlands als bereits eingetretenen „Crash“, der durch Deindustrialisierung und aus dem Ruder laufende Staatsfinanzen gekennzeichnet sei.

3. Kontroverse Sicht auf internationale Politik und das Vorbild Argentinien

Im Hinblick auf das politische Vorbild des argentinischen Präsidenten Javier Milei gäbe es unterschiedliche Nuancen, wobei die Interviewten dessen Reformen lobten. Person 8 äußere sich hierzu positiv: „Sie müssen sich gucken, dass er er anschauen, dass er 11 Millionen Menschen aus der Armut geholt hat. Er hat jetzt ein Gesetz verabschiedet, dass 100 Gesetze gleichzeitig abschafft.“ Gleichzeitig kritisiere Person 8 jedoch die Haltung anderer Kreise innerhalb des rechten beziehungsweise oppositionellen Spektrums gegenüber autokratischen Staaten wie Russland und werfe diesen vor, sich vor Putin anzubiedern, statt echte diplomatische Souveränität zu vertreten.

4. Gesellschaftsbilder, traditionelle Geschlechterrollen und Kulturkritik

Ein weiterer Schwerpunkt liege auf Fragen der Kultur und des Zusammenlebens von Männern und Frauen, wobei eine Abkehr von modernen gesellschaftlichen Entwicklungen gefordert werde. Person 5 (im Transkript auch als Maximilian Pütz bezeichnet) äußere sich zu seinem Vortrag über traditionelle Geschlechtermodelle wie folgt: „Das was ich entworfen habe ist so eine Form […] moderner Traditionalismus. Das heißt, also wieder eine Stärkung der Mutterrolle, also ein positives Bild da drauf und ich glaube, ohne diese staatliche Propaganda würden die meisten Frauen von sich aus sowieso diesen Job wählen, nämlich für ihren Mann und ihre Familie da zu sein.“ Kritisiert werde zudem eine angebliche Medienpropaganda, die eine radikale Minderheit anstelle des vermeintlich normalen Großteils der Bevölkerung pushe.

5. Verhältnis zum Nationalstaat und suprantenationalen Organisationen

Zwar werde der Nationalstaat von den Libertären kritisch gesehen, er geluege jedoch im Vergleich zur Europäischen Union als das kleinere Übel. Person 7 erkläre hierzu: „Der Nationalstaat ist auf jeden Fall natürlich ein besseres Konstrukt als die EU und zwar deswegen, weil die EU noch zentralistischer ist als der Nationalstaat.“ Als historische Vorbilder für dezentrale und freiheitliche Ordnungen würden stattdessen eher das Heilige Römische Reich oder das System der Schweizer Kantone herangezogen, während autoritäre Reichsstrukturen von den Gesprächspartnern explizit abgelehnt würden.

Einordnung

Das vorliegende Video des Kanals COMPACT-Magazin bedient sich formal der Stilmittel einer klassischen Reportage, bei der durch Vor-Ort-Interviews, atmosphärische Naturaufnahmen und zugespitzte Fragestellungen ein direkter Einblick in ein politisches Randmilieu gegeben werden soll. Die Machart wechselt zwischen gefälliger Event-Ästhetik und kontroversen inhaltlichen Positionen, wobei das Format bemüht ist, eine angebliche Offenheit gegenüber unterschiedlichen Strömungen innerhalb des opponierten Spektrums zu demonstrieren. Auffällig ist dabei die diskursive Verknüpfung libertärer Ideen des Anarchokapitalismus mit traditionellen, teilweise reaktionären Gesellschafts- und Familienbildern. Die Argumentationsstruktur stützt sich stark auf generalisierende Systemkritik, unbelegte Thesen zur angeblichen staatlichen „Gehirnwäsche“ sowie die Idealisierung minimalstaatlicher beziehungsweise marktradikaler Modelle.

Im Rahmen der dargebotenen Perspektiven dominieren radikal-libertäre und staatskritische Narrative, während sozialstaatliche Mechanismen oder die Verantwortung kollektiver Infrastrukturen pauschal delegitimiert werden. Kritische Nachfragen der Reporterin – etwa zu sozialen Ungleichheiten, den Folgen privater Stadtmodelle für ärmere Bevölkerungsschichten oder dem Fortbestand von Kulturnationen – werden zwar zugelassen, jedoch meist durch dogmatische Verweise auf vermeintliche Freiwilligkeit oder vertragliche Absicherungen entkräftet. Das Video reproduziert somit hegemoniale Denkmuster einer marktzentrierten Utopie, die bestehende globale Machtverhältnisse und soziale Fragen ausblendet, zugunsten einer radikalen Individualisierung, die paradoxerweise oft mit reaktionären Gemeinschaftskonzepten verschmilzt.

Sehwarnung: Das Video normalisiert radikale, demokratiefeindliche Staatsverständnisse und verknüpft marktliberale Utopien mit gesellschaftspolitischem Rechten-Populismus, weshalb es mit erheblicher medialer Wachsamkeit rezipiert werden sollte.