Die Episode bespricht die Neuauflage des „Handbuchs Rechtsextremismus" des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW). Gastgeber Raimund Löw und Falter-Chefreporterin Nina Horaczek diskutieren die Erkenntnisse des Buches. Als selbstverständlich wird gesetzt, dass rechtsextreme Ideologie eine akute Gefahr darstelle und wissenschaftliche Aufarbeitung ein wichtiges Werkzeug zu ihrer Bekämpfung sei. Eingespielte Aussagen von DÖW-Leiter Andreas Kranebitter rahmen das Werk als Handreichung gegen die „schleichende Normalisierung" menschenfeindlicher Einstellungen und Sprache.
Zentrale Punkte
- FPÖ als rechtsextreme Partei Die FPÖ sei aufgrund ihrer Programmatik im Kern als rechtsextrem einzuordnen, so das DÖW nach einer Analyse auf 50 Seiten. Herbert Kickl habe einen neuerlichen Rechtsruck befeuert und die Abgrenzung zu Gruppierungen wie den Identitären aufgehoben.
- Wandel der Szene Heute sei Rechtsextremismus weniger stark auf einzelne Führungsfiguren konzentriert als in den 1990er-Jahren. Er zeige sich netzwerkartiger und finde über neue Kanäle wie Gaming-Plattformen oder Fitnessstudios Wege, junge Zielgruppen anzusprechen.
- Zwiebelschalenmodell Rechtsextremismus werde nicht nur an Straftaten gemessen, sondern auch als Einstellungsmuster verstanden. Das Zwiebelschalenmodell beschreibe einen gewaltaffinen Kern, umgeben von Aktivist:innen, einer radikalen nationalen Partei und schließlich einer breiteren Schicht gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung.
Einordnung
Die Episode gibt einen konzentrierten und zugänglichen Überblick über ein komplexes wissenschaftliches Werk. Es gelingt ihr, die schleichende Normalisierung menschenfeindlicher Sprache und deren Weg von rechtsextremen Zirkeln in die parlamentarische Debatte konkret zu benennen. Begriffe wie „Remigration" werden als strategische Übernahmen aus dem rechten Spektrum entlarvt und in ihren Kontext eingeordnet – das ist eine differenzierte Diskursanalyse. Die Argumentation wird durch Verweise auf historische Entwicklungen, Straftaten-Statistiken und das sozialwissenschaftliche Zwiebelschalenmodell untermauert, was die Analyse greifbar macht.
Das Gespräch bleibt jedoch in einem voraussetzungsreichen Analyse-Kosmos. Die Perspektive jener 30 Prozent der Wähler:innen, die eine als rechtsextrem eingestufte Partei wählen, wird nur als zu warnendes Objekt verhandelt, nicht in ihrer eigenen Logik beleuchtet. Eine Auseinandersetzung mit der Frage, warum demokratiefeindliche Positionen so breit verfangen, findet nicht statt. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen der berechtigten Warnung vor der Gefahr und dem Ausblenden der Anziehungskraft dieser Ideologie.
Hörempfehlung: Für politisch Interessierte, die einen fundierten, auf wissenschaftlichen Quellen basierenden Überblick über den aktuellen Rechtsextremismus in Österreich erhalten möchten.
Sprecher:innen
- Nina Horaczek – Chefreporterin des FALTER, Expertin für Rechtsextremismus
- Raimund Löw – Host, langjähriger Journalist und Nahost-Korrespondent