In diesem Gespräch stellt Mark Terkessidis sein Buch „Gewalt am Denken“ vor – eine Intervention, die den Blick überraschend nach innen richtet. Statt über die üblichen Verdächtigen wie Trump oder die AfD zu sprechen, untersuche er, wo faschistoide Denkweisen im eigenen, linksliberalen Umfeld auftauchten. Terkessidis definiere Faschismus nicht nur über politische Programme, sondern über einen Denkstil, der auf Angst, Ausgrenzung und der Unterbindung von offener Diskussion beruhe. Seine Analyse verbleibt dabei im akademisch-essayistischen Rahmen und setzt voraus, dass sich ein solcher „Denkstil“ sinnvoll von konkreten politischen Akteur:innen lösen lässt.

Zentrale Punkte

  • Faschismus als Denkstil Terkessidis nutze eine Arbeitsdefinition, die auf organischen Ultranationalismus, Souveränitätsglauben und das Führerprinzip abhebe. Entscheidend sei aber das Element der Bedrohung: Rechte Kreise sähen sich heute in der Minderheit, was sie gefährlicher mache als früher.
  • Kritik am eigenen Milieu Er kritisiere, dass in Debatten um Critical Whiteness und Sprecherpositionen ähnliche Mechanismen der Denunziation und Moralpanik griffen wie bei Rechtspopulist:innen. Hier werde nicht mehr argumentiert, sondern mit Angst operiert.
  • Frust über Diskursverhärtungen Terkessidis schildere eine tiefe Enttäuschung über die politische Herkunft, die ihn zwischenzeitlich am Weiterschreiben zweifeln ließ. Die Resignation gelte sowohl den gesellschaftlichen Verhältnissen als auch den eigenen Diskurskreisen.

Einordnung

Das Gespräch leistet eine ungewöhnliche Selbstbefragung: Es lenkt die Aufmerksamkeit auf Ausschlussmechanismen und Sprachregelungen, die auch in progressiven Räumen wirken. Terkessidis‘ essayistischer Zugriff eröffnet dabei einen Denkraum jenseits parteipolitischer Lagerlogik.

Kritisch bleibt, wie selbstverständlich hier ein bestimmter Faschismusbegriff als Messinstrument angelegt wird, ohne die historischen Differenzen wirklich auszuleuchten. Zudem zeichnet Terkessidis ein Bild der Linken, das stark auf universitäre Diskurse der 2010er Jahre bezogen scheint – ob es die gegenwärtige Breite linker Bewegungen trifft, bleibt fraglich. Seine Argumentation bewegt sich weitgehend im Modus der Anekdote und persönlichen Erfahrung, nicht der systematischen Untersuchung. „Ich habe nur versucht, die Voraussetzungen einmal zu vermessen, die darauf hindeuten könnten, dass wir so eine Situation haben“, umreißt er seinen Ansatz selbst – er beansprucht also keine empirische Sättigung, sondern eher eine ideengeschichtliche Spurensuche.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine selbstkritische, nicht an den üblichen Frontlinien verlaufende Faschismus-Diskussion suchen, bietet dieses Gespräch einen inspirierenden, wenn auch stellenweise essayistisch bleibenden Einstieg.

Sprecher:innen

  • Mark Terkessidis – Autor, Rassismus- und Migrationsforscher, begann als Journalist bei der „Spex“
  • Nils Schniederjan – Moderator und Host des Podcasts „Über Rechts“