Der Cleantech-Newsletter von Rico Grimm widmet sich der aktuellen Lage des Wasserstoff-Marktes und zeichnet das Bild einer tief gespaltenen Branche. Nach einer Phase großer Ernüchterung, die er eingangs mit dem Tod des Wasserstoffautos und gescheiterten Projekten samt EU-Fördermillionen skizziert, konstatiert der Autor eine mögliche Bodenbildung. Die zentrale These lautet, dass sich aktuell zwei Lager herausbilden: jene, die bauen, und jene, die pleitegehen oder Projekte einstampfen. Als Beleg dient eine umfassende Liste von Positiv- und Negativbeispielen. Während McPhy Energy liquidiert werden musste und selbst Giganten wie Statkraft oder BP ihre Wasserstoff-Ambitionen begruben, gibt es auch Bewegung. So wird etwa der spanische Konzern Moeve zitiert, der eine Milliardeninvestition für ein 300-Megawatt-Elektrolyseprojekt beschloss, während der deutsche Hersteller ThyssenKrupp Nucera eine Vervierfachung seiner Auftragseingänge vermeldete. „Vor einem Jahr verkaufte ThyssenKrupp Nucera kaum noch einen Elektrolyseur. Jetzt vervierfachten sich die Auftragseingänge in einem Quartal“, fasst Grimm die neue Dynamik zusammen.
Die überlebenden Projekte teilen dem Newsletter zufolge drei Merkmale: Sie haben vor der finalen Investition feste Abnahmeverträge, Zugang zu extrem billigem Strom sowie das Ziel, bereits bestehenden, grauen Wasserstoff zu ersetzen. Dies klappe vor allem in Raffinerien, Ammoniak- oder Methanol-Anlagen. Das Beispiel des Stahlproduzenten Stegra aus Schweden zeigt, wie ein geringer Aufpreis für ein Endprodukt wie ein Auto ein solches Modell für die Abnehmer risikolos macht. Grimm betont jedoch, dass genau diese Risikolosigkeit das entscheidende Wort sei. Der Optimismus früherer Jahre, wonach grüner Wasserstoff bald extrem günstig werde, habe sich nicht bewahrheitet. Die Kosten lägen drei- bis fünfmal höher als einst von Analyst:innen versprochen, und die erhofften Lernkurven blieben angesichts geringer Produktionsmengen aus. Dies ist das argumentative Zentrum des Textes: Der Markt wächst jetzt, aber viel langsamer und nüchterner als gedacht.
In seiner persönlichen Einschätzung fordert der Autor, die pessimistische Prämisse vom generellen Scheitern des Wasserstoffs zu hinterfragen, und sieht die Branche nun an Kontur gewinnen. Allerdings warnt er eindringlich vor einer Machtkonzentration. Die Abnehmer der Projekte seien ausnahmslos Großkonzerne, was ein „Abnehmer-Oligopol“ drohen lasse. „Wasserstoff wird ein Großindustrie-Rohstoff – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne“, schreibt Grimm und schlussfolgert, dass der deutsche Mittelstand unter den aktuellen Bedingungen kaum eine Rolle spielen könne. Einzige Hoffnung für eine breitere Teilnahme seien staatliche Klimaschutzverträge, für die jedoch von der aktuellen Regierung kein Geld zu erwarten sei. Als mutigen Ausblick präsentiert er die €31-Millionen-Investition von Bill Gates in ein Startup, das natürliche Wasserstoffvorkommen zu extrem niedrigen Kosten erschließen will – eine Technologie, die das Geschäftsmodell der Elektrolyseur-Hersteller obsolet machen könnte, wenn sie funktioniert.
Einordnung
Der Newsletter liefert eine faktenreiche, datengetriebene Momentaufnahme, die ohne alarmistischen Ton auskommt und stattdessen einen pragmatischen Realismus pflegt. Die Perspektive ist die eines tief in der Materie steckenden Analysten, der die Interessen der Cleantech-Branche und ihrer Investor:innen im Blick hat. Was ausgeblendet wird, sind die Implikationen eines von Großkonzernen dominierten Wasserstoffmarktes für demokratische Steuerung oder dezentrale Energieversorgung. Die unausgesprochene Annahme ist, dass eine erfolgreiche, wenn auch von Oligopolen geprägte Wasserstoffwirtschaft per se positiv ist, solange sie zur Dekarbonisierung beiträgt. Es fehlt eine kritischeReflexion über die Machtverschiebung, die mit dieser Struktur einhergeht, und die klimapolitische Leerstelle, die entsteht, wenn Konzerne wie TotalEnergies nur ihre eigenen Prozesse (Scope 1/2) dekarbonisieren, während die Produkte selbst klimaschädlich bleiben. Das Narrativ eines unausweichlichen, wenn auch langsamen "Hochlaufs" normalisiert diese Machtkonzentration als alternativlosen Pfad der Vernunft.
Für Fachleute und Investor:innen aus der Energiebranche ist diese Ausgabe aufgrund der präzise aufbereiteten Projektdaten und der Markteinschätzung äußerst lesenswert. Sie bietet einen guten Überblick über die tatsächliche finanzielle und technische Realität abseits des Hypes und zeigt Investmenttrends auf. Für Leser:innen, die eine gesellschaftspolitische Einordnung der Energiewende suchen, greift sie jedoch zu kurz, da sie Fragen von Teilhabe und Macht tendenziell der Rationalität eines sich selbst regulierenden Marktes unterordnet.