In dieser Live-Episode vor Fachpublikum bei den Lindauer Psychotherapiewochen verhandeln die Hosts Melanie Büttner und Sven Stockrahm mit dem Psychologen und Beziehungstherapeuten Agostino Mazziotta das Thema konsensuelle Nichtmonogamie. Mazziotta stelle klar, dass es sich dabei um Beziehungsformen handle, bei denen Sexualität und romantische Liebe einvernehmlich nicht auf eine Person begrenzt seien – von der offenen Beziehung bis zur Polyamorie. Als selbstverständlich werde dabei gesetzt, dass diese Modelle in der Psychotherapie oft noch als problematisch oder verdächtig gelten, was die Episode zu entkräften versucht.

Zentrale Punkte

  • Vielfalt einvernehmlicher Modelle Mazziotta grenze konsensuelle Nichtmonogamie vom Fremdgehen ab: Alle Beteiligten wüssten Bescheid und stimmten zu. Offene Beziehungen erlaubten Sex mit anderen, Polyamorie ziele auf längerfristige, emotional verbindliche Liebesbeziehungen mit mehreren Personen ab.
  • Gesellschaftlicher Druck und eigene Zweifel Menschen in nichtmonogamen Beziehungen seien häufig mit Abwertung und der Frage konfrontiert, ob sie „normal" seien. Diese gesellschaftliche Ablehnung könne sich als innere Abwertung verfestigen, was in der Forschung als internalisierte Polynegativität bezeichnet werde und die psychische Gesundheit belasten könne.

Einordnung

Die Episode leistet eine differenzierte Entpathologisierung nichtmonogamer Beziehungsmodelle. Mazziotta argumentiert mit Studienbefunden und therapeutischer Erfahrung, dass diese Beziehungen nicht per se instabiler seien, sondern andere Kompetenzen erforderten – und dass die größere Belastung oft von außen komme, durch gesellschaftliche Abwertung. Seine Empfehlung an Therapeut:innen, mit Offenheit und Grundwissen statt mit Misstrauen zu begegnen, ist präzise und praxisnah.

Die Diskussion verbleibt allerdings ganz im Rahmen des psychotherapeutisch informierten Diskurses. Dass Monogamie als kulturelle Norm historisch und ökonomisch gewachsen ist, wird nicht vertieft. Auch strukturelle Hürden – etwa rechtliche Benachteiligungen von Mehrfachbeziehungen – werden nicht thematisiert. Die Perspektive von Menschen, deren nichtmonogame Beziehungen scheitern, kommt kaum vor; das liegt jedoch am Fokus auf Entstigmatisierung vor einem Fachpublikum, das diesen Modellen oft skeptisch gegenübersteht.

Hörempfehlung: Für Psychotherapeut:innen und alle, die sich für Beziehungsvielfalt jenseits von Klischees interessieren, eine erhellende und fachlich fundierte Einführung.

Sprecher:innen

  • Melanie Büttner – Ärztin, Sexual- und Psychotherapeutin, Co-Host
  • Sven Stockrahm – Leiter Wissenschaftsressort der ZEIT, Co-Host
  • Agostino Mazziotta – Psychologe, Paar- und Sexualtherapeut, forscht zu Nichtmonogamie