Der Podcast verknüpft zwei scheinbar getrennte Datenströge: den schrumpfenden russischen Geländegewinn in der Ukraine und die herben Wahlverluste der britischen Labour-Partei. Wirtschaftshistoriker Adam Tooze und Journalist Cameron Abadi sprechen über den Zustand der russischen Kriegswirtschaft, die nicht kollabiert, sondern nur langsamer wächst, und über die Schwierigkeiten traditioneller Rüstungskonzerne, die Drohnen-Innovationen der Ukraine ernst zu nehmen. Im zweiten Teil wird die Diskussion um Labour unversehens zu einer Suche nach gangbaren linken Regierungsmodellen. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass sich Erfolg vor allem an Wirtschaftswachstum, Verteidigungsfähigkeit und einer Art technokratischer „Machen“-Mentalität messen lassen müsse.
Zentrale Punkte
- Russlands Wirtschaft unter Druck, aber stabil Die russische Wirtschaft wachse kaum noch und leide unter extremer Arbeiter:innenknappheit, befinde sich aber in keinem Kollaps. Hohe Zinsen und staatliche Ausgaben für die Kriegsführung erzeugten eine paradoxe Mischung aus Flaute und Vollbeschäftigung, die den Kreml politisch unter Druck setze.
- Ukraine als unangefochtene Drohnenmacht Die Ukraine habe eine gewaltige, innovative Drohnenindustrie aufgebaut, die alle NATO-Staaten technologisch weit abhänge. Diese Dominanz führe jedoch nicht zu einem militärischen Durchbruch, sondern zementiere eine blutige Pattsituation, in der beide Seiten in einer technologischen Aufholjagd gefangen seien.
- Abwehrreflexe der alten Rüstungsindustrie Traditionelle westliche Rüstungskonzerne wie Rheinmetall täten sich schwer, die billige, auf Massenfertigung ausgelegte Drohnentechnologie der Ukraine anzuerkennen. Intern werde erbittert darum gerungen, ob milliardenschwere Rüstungsprogramme weiter in teure Hightech-Plattformen oder in Schwärme einfacherer Kampfdrohnen fließen sollten.
- Labour auf der Suche nach globalen Vorbildern Angesichts des drohenden Machtverlusts der britischen Labour-Partei würden die Regierungsstile von Mark Carney in Kanada, Claudia Sheinbaum in Mexiko und Pedro Sánchez in Spanien als mögliche Blaupausen für einen linken Politikentwurf diskutiert. Carney stehe für eine wachstumsorientierte „Fülle“-Politik, Sheinbaum für kompromisslose Armutsbekämpfung und Sánchez für eine sozialliberale Außenpolitik mit antiimperialem Gestus.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in ihrer Fähigkeit, militärische und wirtschaftliche Dynamiken zusammenzudenken. Besonders erhellend ist die Darstellung des Drohnenkriegs als ein sich gegenseitig hochschaukelndes Innovationsrennen, das den Bewegungskrieg unmöglich macht. Die Analyse der „Kriegskeynesianismus“-These – also dass der Krieg Russlands Wirtschaft wider Erwarten modernisiert habe – wird mit aktuellen Bremsspuren konfrontiert, ohne in Alarmismus zu verfallen. Im zweiten Teil gelingt der nüchterne Blick auf die strukturelle Schwäche von Labour, die nicht bloß an der Person des Parteiführers festgemacht, sondern in den Kontext eines zerfallenden Zweiparteiensystems gestellt wird.
Kritisch bleibt, dass die Metapher der „arbeiterfreundlichen Optionen“ in Russland ausblendet, dass der „freiwillige“ Kriegsdienst in einem autoritären System mit immensen finanziellen Anreizen und sozialem Druck erzwungen wird. Zudem werden die Beispiele für linke Politik in erster Linie an ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gemessen – soziale Bewegungen, demokratische Teilhabe oder eine ökologische Transformation jenseits von Technokratie spielen kaum eine Rolle. Bei der Diskussion um die Länderbeispiele zeigt sich eine implizite Akzeptanz hierarchischer Bewertungen, etwa wenn die italienische Rüstungsindustrie belächelt oder die historischen Verbrechen des spanischen Kolonialismus nur als lästige diplomatische Fußnote behandelt werden.
Ein Zitat des Gastgebers bringt die zentrale Spannung auf den Punkt: „Es ist die ukrainische Erfahrung, die das Spiel auf dem Schlachtfeld verändern wird. Eine ganz andere Frage ist, was mit der politischen Ökonomie der massiven Aufrüstungsausgaben passiert, denn es sind nicht unbedingt die Kriterien des Schlachtfelds, die darüber entscheiden, wer die großen Aufträge bekommt."
Sprecher:innen
- Cameron Abadi – Stellvertretender Chefredakteur von Foreign Policy
- Adam Tooze – Wirtschaftskolumnist bei Foreign Policy und Historiker an der Columbia University