In dieser Episode des Asia Chessboard spricht Michael Green mit Justin Bassi, dem Leiter des Australian Strategic Policy Institute (ASPI), über Australiens neue Verteidigungsstrategie von 2026. Das Gespräch zeichnet den Wandel in der australischen Sicherheitspolitik nach, insbesondere die Abkehr von einer primär wirtschaftlich orientierten China-Politik hin zu einer Bedrohungswahrnehmung. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass der indo-pazifische Raum ein Feld strategischer Rivalität ist, in dem Abschreckung und militärische Stärke die zentralen Antworten auf Chinas Aufstieg darstellen. Bassi beschreibt, wie Premierminister Malcolm Turnbull ab 2016 seine Position auf Basis nachrichtendienstlicher Erkenntnisse geändert habe – ein Schritt, den er als vorausschauend und für Australiens Position vorteilhaft bewertet.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die besondere Rolle von Think Tanks im Westminster-System Australiens, wo die Institute hauptsächlich von der Regierung finanziert werden, die sie zugleich kritisch begleiten sollen. Bassi erläutert, dass ASPI gezielt als Korrektiv zum bürokratischen Regierungsapparat geschaffen worden sei und seine Aufgabe darin liege, auf Basis von Daten und Analysen "alternative Beratung" anzubieten – nicht als inoffizielles Sprachrohr der Regierung, aber auch nicht als aktivistische Organisation.
Zentrale Punkte
- Australiens strategische Kehrtwende Bassi zufolge habe Premierminister Turnbull ab 2016 auf Grundlage nachrichtendienstlicher Erkenntnisse eine Abkehr von der rein wirtschaftlichen China-Betrachtung vollzogen. Er habe die Bedrohung durch chinesische Einflussnahme erkannt, ohne auf öffentlichen Druck oder eine akute Krise zu warten – ein Schritt, der Australien strategisch in eine vorteilhafte Position gebracht habe.
- Think Tanks als notwendige Korrektive Bassi argumentiert, Think Tanks seien gerade deshalb unverzichtbar, weil sie Bedrohungen öffentlich machen könnten, zu denen Regierungen aus diplomatischer Rücksicht schweigen müssten. Er verweist auf die Rolle von ASPI bei der Analyse von 5G-Risiken und der Aufdeckung chinesischer Desinformationskampagnen, die über das hinausgingen, was Geheimdienste öffentlich kommunizieren könnten.
- Die Verteidigungsstrategie 2026: Selbstständigkeit im Bündnis Die neue Strategie zentriere sich laut Bassi auf drei Elemente: das Konzept der "Selbstständigkeit" (nicht zu verwechseln mit Autarkie), die explizite Benennung Chinas als strategische Kernbedrohung und die Bekräftigung des US-Bündnisses als Fundament trotz sinkenden öffentlichen Vertrauens in die USA. Damit grenze sich Australien bewusst vom kanadischen Kurs ab.
- Die Ressourcenfrage als offene Flanke Bassi äußert Zweifel, ob der aktuelle Verteidigungshaushalt ausreicht, um die im Strategiepapier formulierten Ziele zu erreichen – besonders angesichts der Gleichzeitigkeit von Großprojekten wie AUKUS und der Notwendigkeit neuer Drohnen- und Raketenfähigkeiten. Er verweist darauf, dass Australien gemessen am BIP trotz verschärfter Bedrohungslage etwa gleich viel ausgebe wie vor zehn Jahren.
Einordnung
Die Episode bietet einen dichten Einblick in die strategische Denkweise des australischen Sicherheits-Establishments. Gerade Bassis Schilderungen der internen Abläufe unter Turnbull sind aufschlussreich, weil sie zeigen, wie stark der Wandel in der China-Politik von Geheimdiensten und Think Tanks getrieben wurde – und nicht von einer öffentlichen Debatte. Die klare Analyse der Verteidigungsstrategie 2026 und ihrer politischen Signalwirkung, etwa die bewusste Abgrenzung zu Kanada, ist präzise und informativ. Bassis Kritik an der Finanzierung ist sachlich fundiert und vermeidet Alarmismus, was die Glaubwürdigkeit stärkt.
Allerdings bleibt der Gesprächsrahmen stark innerhalb der Logik militärischer Abschreckung und einer binären Freund-Feind-Unterscheidung verhaftet. China wird durchgängig als "Kernbedrohung" gesetzt, ohne dass Gegenstimmen oder alternative Analyseperspektiven, etwa aus dem pazifischen Raum oder aus dem Globalen Süden, auch nur erwähnt werden. Die Vorstellung, dass sich Sicherheit durch höhere Rüstungsausgaben quasi automatisch einstellt, wird nicht grundlegend hinterfragt. Wirtschaftliche und diplomatische Dimensionen von Sicherheit kommen kaum vor. Der Begriff "Selbstständigkeit" bleibt trotz Erläuterung unscharf und wird primär durch Abgrenzung zu "Selbstversorgung" und zu Kanada definiert, nicht aber durch eine Vision, die über die bestehende Allianz hinausweist. Unausgesprochen bleibt auch, dass Bassi und Green selbst zentrale Akteure dieses sicherheitspolitischen Netzwerks sind – die Analyse ist also zugleich Innensicht und Interessenvertretung. Ein Zitat verdeutlicht das Spannungsfeld von Unabhängigkeit und finanzieller Abhängigkeit: "The bulk of the funding for the other think tanks, including ASPI, comes from government. So at the very stakeholder that we have been set up to critique."
Hörempfehlung: Eine lohnende Episode für alle, die verstehen wollen, wie sich das australische Sicherheitsdenken gegenüber China strukturell verändert hat und welche Rolle Think Tanks in diesem Prozess spielen.
Sprecher:innen
- Michael Green – Gastgeber, Leiter des US Studies Centre, ehemaliger Direktor für Asien im Nationalen Sicherheitsrat der USA
- Justin Bassi – Exekutivdirektor des Australian Strategic Policy Institute, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater von Premierminister Turnbull