Auf dem taz Lab 2026 trafen die Hosts Dominik Steffens, Benjamin Scherp und taz-Kurator Jan Feddersen auf Ulf Poschardt. Der Herausgeber der „Welt“ polarisiert mit Thesen von der „kreativen Zerstörung“ des „Shitbürgertums“. Der Rahmen war bewusst gewählt: ein linkes Publikum, ein konservativer Gast und das Versprechen, sich der eigenen Blase zu stellen und ausgerechnet dort Brücken zu prüfen, wo er viele eigentlich abreißen möchte. Poschardt stilisierte sich dabei als Intellektueller, der weniger beobachte, als vielmehr das Funktionieren der Berliner Republik grundsätzlich infrage stelle. Die Diskussion lebte vom Gestus der wechselseitigen Wertschätzung bei maximaler inhaltlicher Distanz – und von Poschardts teils anarchistisch anmutenden Provokationen, die nicht immer argumentativ ausgearbeitet wurden.

Zentrale Punkte

  • Kreative Zerstörung als Prinzip Poschardt sehe den Zustand von Medien, Politik und Öffentlichkeit als derart dysfunktional an, dass er das „Kaputtmachen“ zum Gebot der Stunde erkläre. Dies sei kein Akt bloßer Aggression, sondern orientiere sich an Schumpeters Idee, dass Zerstörung erst durch ein besseres Angebot legitimiert werde.
  • Linke als selbstgerechte Moralelite Die etablierte Linke, auch jene in der taz, habe eine „Bourgeoise Moralelite“ hervorgebracht, die sich in staatstragenden Sonntagsreden erschöpfe. Statt inspirierender, scharfer Kritik – wie er sie etwa bei marxistischen Gruppen der 80er gesehen habe – herrsche ein langweiliger, selbstzufriedener Konsens, der die Menschen verliere.
  • Bellevue als disruptive Problemschule Institutionen wie das Schloss Bellevue und das Amt des Bundespräsidenten seien zu bedeutungsleeren Ritualen verkommen. Poschardts Vorschlag: Das Schloss in eine Schule für die „unbeschulbarsten“ Kinder zu verwandeln, geführt von der besten Lehrkraft des Landes, um Demut und einen Neustart im Bildungssystem zu symbolisieren.
  • Der archimedische Punkt Israel Dass die deutsche Kulturszene und weite Teile der Medienlandschaft nach dem 7. Oktober nicht eindeutig und entschlossen gegen Antisemitismus und für Israels Sicherheit eingetreten seien, stelle für Poschardt einen zivilisatorischen Bruch dar. Die Haltung zu Israel sei für ihn der feste Punkt, an dem sich sein gesamtes politisches Denken verankere.

Einordnung

Diese Episode ist ein eindrückliches Dokument für den Stand der Debattenkultur im Jahr 2026: Der Austausch bleibt trotz scharfer Worte und unüberbrückbarer Differenzen respektvoll, was vor allem Jan Feddersens liberaler Moderation und Poschardts persönlicher Anerkennung für ihn zu verdanken ist. Die Reibung erzeugte tatsächlich Funken – besonders, als das Publikum zu Wort kam und die Frage nach Mut und Applausmotivation stellte.

Poschardts Disruptionsrhetorik, so unterhaltsam sie ist, bleibt jedoch oft eine Geste. Sätze wie „der ÖR ist […] zu 95 % einfach ein riesiger […] ideologischer Haufen Mist“ funktionieren als vernichtende Hyperbel, ersetzen aber keine nachvollziehbare Analyse, warum genau 95 Prozent wertlos sind und was jenseits des Zerstörens folgen soll. Dass soziale Räume wie Schrebergärten in einer einzigen Metapher zum Symbol deutscher Spießigkeit und identitären Denkens verschmelzen, ist sprachlich wirkmächtig, macht aber blind für die konkreten Bedürfnisse dahinter. Die Avantgarde-Geste, alles und alle „Scheiße“ zu finden, verhindert die von Poschardt selbst beschworene Suche nach dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Zudem wurde die anfängliche Selbstbeschreibung, stets unerwartbare Positionen zu liefern, von den Hosts nicht konsequent genug an aktuellen Beispielen geprüft – etwa an Positionen, die innerhalb der rechten Diskursverschiebungen der letzten Jahre verortbar wären.

Hörempfehlung: Für alle, die erleben wollen, wie respektvoller Dissens ohne Beschwichtigung klingen kann – und wie eine einzige scharfe These einen ganzen Saal intellektuell elektrisieren kann.

Sprecher:innen

  • Ulf Poschardt – Herausgeber der „Welt“, Autor von „Shitbürgertum“ und „Mündig“
  • Dominik Steffens – Host des Podcasts „Based.“
  • Benjamin Scherp – Host des Podcasts „Based.“
  • Jan Feddersen – taz-Redakteur und langjähriger Kurator des taz Lab