In dieser Episode des Cicero-Podcasts unterhält sich Redakteur Clemens Traub mit dem Publizisten Henryk M. Broder. Ausgehend von der Frage, wie sehr sich Deutschland in den letzten fünfzehn Jahren verändert habe, entfaltet Broder eine umfassende Kritik an der politischen Kultur des Landes. Im Zentrum steht die Behauptung, die Gesellschaft werde von einer übermächtigen, alles durchdringenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelähmt. Deutschland stecke im „Würgegriff“ dieser Vergangenheit, was eine offene Debatte unmöglich mache und gegnerische Positionen – insbesondere die der AfD – unzulässig dämonisiere.

Das Gespräch strukturiert sich entlang einer Gegenüberstellung von vermeintlich entspannteren und freieren Zeiten mit einer Gegenwart, die Broder als von „Woke-Wahnsinn“, Hysterie und staatlicher Verfolgung abweichender Meinungen geprägt sieht. Die Annahme, die Meinungsfreiheit sei faktisch abgeschafft, weil man nach Äußerungen mit Konsequenzen rechnen müsse, wird dabei als unumstößliche Prämisse gesetzt. Ebenso selbstverständlich erscheint die Rahmung, die anhaltende politische Relevanz der NS-Geschichte sei eine pathologische „Erkrankung“ des Landes.

Zentrale Punkte

  • Deutschland im „Würgegriff“ der NS-Zeit Broder behaupte, die fortwährende Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sei zu einer psychologischen Zwangshandlung geworden, die das Land lähme. Die antifaschistische Haltung sei nicht authentisch, sondern eine folgenlose Selbstermächtigung, mit der die heutigen Generationen symbolisch nachholen wollten, was ihre Vorfahren versäumten – eine Form der „Koketterie“ mit dem Bösen.
  • Die Brandmauer als kontraproduktiver Fehler Die Ausgrenzung der AfD durch eine sogenannte Brandmauer habe das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt und die Partei gestärkt. Broder argumentiere, ein Ausschluss vom politischen Geschehen sei grundsätzlich falsch. Die Forderung nach einem AfD-Verbot, etwa durch Saskia Esken, vergleiche er mit einer „Hexenjagd“ und stelle sie in die Traditionslinie der NS-Verbote.
  • Antisemitismus als verselbstständigte Kritik an Israel Einen Anstieg von Antisemitismus bestreite Broder; dieser sei ein Teil des „Weltkulturerbes“ und schon immer vorhanden gewesen. Die Obsession mit Israel deutet er als einen Versuch, den Genozid der eigenen Großeltern durch eine Umkehr der Täter-Opfer-Zuschreibung zu relativieren. Die Linke sei das Zentrum eines neuen, als Israelkritik getarnten Antisemitismus.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine dichte und pointierte Darstellung einer geschlossen wirkenden, alternativlosen Weltsicht. Es gelingt Broder, innere Widersprüche in Teilen der deutschen Erinnerungskultur rhetorisch zuzuspitzen, etwa wenn er auf die Professionalisierung des Antifaschismus bei gleichzeitiger Folgenlosigkeit verweist. Die enorme Bandbreite an Themen wird von ihm assoziativ, aber stets mit scharfer Polemik verknüpft, was der Diskussion einen hohen Unterhaltungswert verleiht.

Allerdings verbleibt die gesamte Argumentation innerhalb sehr enger, unausgesprochener Prämissen. Der Begriff der „Wokeness“ dient als pauschales Feindbild, ohne je konkretisiert zu werden. Die AfD wird als harmlose, themensetzende Kraft dargestellt, während ihr völkisch-nationalistischer Flügel nur am Rande erwähnt und als „makaber“ verharmlost wird. Muslimischer Antisemitismus wird lediglich als ein Angebot an einer „vielfältigen Theke“ benannt, wohingegen der Fokus scharf auf der Linkspartei liegt – mit der Aussage, Kritik an Israel müsse nicht antisemitisch sein, aber sie sei es heute, blendet Broder die Nuancen einer breiten Debatte aus. Kritische Nachfragen zu diesen Verkürzungen unterbleiben weitgehend. Das zentrale Argument, die anhaltende Wirkung der NS-Geschichte sei eine Art Volkskrankheit, pathologisiert eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, die Broder durch seine eigene, selektive Wahrnehmung definiert. Wie er argumentiert, zeigt sich beispielhaft in folgender Aussage: „Ich glaube, dass Leute, die vor dem Faschismus warnen, ich glaube, dass diese Leute eine Sehnsucht danach haben, sich in eine Bewährungsprobe begeben zu können, in der sie beweisen können, dass sie das Dritte Reich hätten verhindert können.“ (Henryk M. Broder, ab ca. 00:18:30)

Hörempfehlung: Für alle, die eine einseitige, meinungsstarke Fundamentalkritik an der deutschen Erinnerungskultur und Medienlandschaft kennenlernen wollen, bietet diese Episode lohnenswertes Material.

Sprecher:innen

  • Henryk M. Broder – Publizist und Autor, bekannt für scharfzüngige Gesellschaftskritik
  • Clemens Traub – Redakteur bei Cicero – Magazin für politische Kultur