In einer Live-Folge in Göttingen erzählt Indigo die Geschichte des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) – einer Organisation, die Zeitgenoss:innen als Sekte belächelten, die aber früh die Gefahr des Faschismus erkannte und akribisch Widerstand organisierte. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von Anna Beyer und Martha Damkowski, zweier Frauen, die Flugblätter verteilten, Sabotageakte durchführten und dafür ihr Leben riskierten.
Der Podcast folgt einer emanzipatorischen Geschichtslogik: Erzählt wird "Geschichte von unten", mit Fokus auf basisnahe Kämpfer:innen statt auf bekannte Führungsfiguren. Dabei wird eine Spannung sichtbar – zwischen Bewunderung für den mutigen Widerstand und Irritation über die elitären, antidemokratischen Züge der Organisation. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird die Überzeugung, dass antifaschistischer Widerstand per se wertvoll ist und dass aus dieser Geschichte Lehren für aktuelle Abwehrkämpfe gegen rechts zu ziehen seien.
Zentrale Punkte
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Vegetarische Gaststätten als Tarnung Der ISK betrieb öffentliche vegetarische Restaurants in mehreren deutschen Städten – nicht aus kulinarischer Vorliebe, sondern als getarnte Infrastruktur für den Widerstand. In ausgehöhlten Tischbeinen lagerten Flugblätter, unauffällige Matrizendrucker vervielfältigten illegale Schriften, und die Einnahmen finanzierten die Untergrundarbeit. Anna Beyer leitete zwei solche Gaststätten, ohne kochen zu können.
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Frühe Vorbereitung auf Illegalität Im Gegensatz zu SPD und KPD, die den Nationalsozialismus unterschätzten, bereitete sich der ISK ab 1931 systematisch auf ein Leben im Untergrund vor. Mitglieder übten Verschlüsselung, konspiratives Verhalten und das Überstehen von Verhören. Sie bildeten Fünfergruppen und vernichteten Mitgliederlisten. Diese organisatorische Disziplin machte die kleine Gruppe später zu einer der effektivsten Widerstandsorganisationen.
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Technische Kreativität im Widerstand Die beschriebenen Widerstandsmethoden zeugen von erfinderischer Präzision: eine Koffer-Druckmaschine mit Tinte, die erst im Sonnenlicht sichtbar wurde; Flugblätter auf hauchdünnem Papier zum Herunterschlucken; Münzen mit eingeprägter Anti-Hitler-Parole. Auch Sabotage gehörte zum Repertoire – etwa das Durchschneiden von Lautsprecherkabeln an der frisch eröffneten Reichsautobahn.
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Frauen als Trägerinnen des Widerstands Der ISK hatte einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil, auch in Führungspositionen. Die Folge porträtiert dies an Anna Beyer und Martha Damkowski – und deutet an, dass viele Frauen ihre eigene Rolle später kleinredeten. Martha etwa bezeichnete ihren jahrelangen Widerstand als nicht "besonders wichtig". Zugleich habe sie ihr Leben lang mit Schuldgefühlen gehadert, ihr Kind in die konspirative Arbeit einbezogen zu haben.
Einordnung
Die Episode leistet zweierlei: Sie macht eine kaum bekannte Widerstandsgruppe sichtbar und verknüpft Organisationsgeschichte mit biografischer Nahaufnahme. Die Erzählweise ist atmosphärisch dicht, mit literarischen Szeneneinstiegen und live vorgelesenen Originalzitaten, die das Publikum emotional einbinden. Die Reflexion über den "Rückschaufehler" – dass wir heute wissen, wie aussichtslos der Widerstand war – und die offene Irritation über den autoritären Gründer Leonard Nelson zeigen eine selbstkritische Haltung. Die Hosts benennen auch schmerzhafte Ambivalenzen: Der ISK war effektiv, aber elitär; mutig, aber philosophisch auf eine "Herrschaft der Weisen" ausgerichtet.
Was unausgesprochen bleibt, ist der Widerspruch zwischen Nelsons antidemokratischer Philosophie und dem späteren Aufgehen des ISK in der SPD. Dass ausgerechnet Willi Eichler am Godesberger Programm mitschrieb, das die SPD vom Klassenkampf löste, wird zwar erwähnt, aber nicht in seiner politischen Tragweite eingeordnet. Die Darstellung legt nahe, dass der ISK vor allem wegen seiner ethischen Grundierung so handlungsfähig war – aber dass dieselbe Ethik ihn später in die Sozialdemokratie führte und damit in eine politische Entschärfung, bleibt unterbelichtet.
Die Rahmung ist konsequent antifaschistisch, mit explizitem Gegenwartsbezug zur Verhinderung eines AfD-Parteitags. Das ist für das Selbstverständnis des Podcasts konsequent, macht die Folge aber eher zu einem Dokument linker Selbstvergewisserung als zu einer historischen Analyse im engeren Sinne. Eine Stimme wie die Martha Damkowskis bringt das auf den Punkt: "Vielleicht kann mein Bericht manchen jüngeren klar machen, was damals wirklich passiert ist, wie schwer es war, Widerstand zu leisten, wie wichtig es ist, dass es nie wieder Faschismus gibt."
Hörempfehlung: Für alle, die sich für antifaschistischen Widerstand jenseits der großen Namen interessieren und wissen wollen, wie kreativ und diszipliniert eine kleine Gruppe gegen die NS-Diktatur kämpfte.
Sprecher:innen
- Indigo – Co-Host von "Geschichte der kommenden Welten", trägt in dieser Folge die Recherche zum ISK vor
- Sina – Co-Host, fragt nach und ordnet ein