Jon Laurence, VP bei Newpress, zeichnet in diesem Drei-Fragen-Interview ein klares Bild der aktuellen Medienkrise: Statt auf die großen Verbreitungsrohre SEO und soziale Medien zu setzen, müssten Redaktionen endlich echtes „Öl“ fördern – Inhalte mit unterscheidbarem Wert. Die Ära der „Wann ist der Super Bowl?“-Artikel und der Platzierung einer Wassermelone auf Facebook Watch, weil jemand dafür bezahlt, sei mit dem Ende von SEO-Boom und Plattform-Ermüdung vorbei. Laurence verweist auf Oliver Darcys Nischen-Newsletter „Status“, der mit minimalem Team Millionen an Abo-Umsätzen erziele: „Hochspezialisierte Publikationen rund um eine engagierte Community mit First-Party-Daten und idealerweise eigenem geistigen Eigentum sind der Weg.“ Die entscheidende Frage sei, wo man solches Öl findet.
Auf die Herausforderung durch KI antwortet Laurence mit einem Plädoyer für die persönliche Marke. Er selbst habe vor einem Jahr begonnen, auf LinkedIn jene Antworten zu modellieren, die ihm in Vorstellungsgesprächen fehlten – und dadurch einen neuen Job in der „Creator-Journalism“-Wirtschaft entdeckt. Eine starke persönliche Marke mit Community wirke wie „ein aufblasbarer Rettungsring vor der KI-Flutwelle“, weil gerade automatisierbare Skills an Bedeutung verlören. Als dritte Empfehlung preist er Spinning-Kurse: Handyverbot, Geselligkeit und – besonders für Menschen mit ADHS – eine phänomenale Methode der Selbststeuerung.
Einordnung
Das Interview spiegelt den Zeitgeist einer Branche, die sich von werbefinanzierten Massenmodellen ab- und elitären Bezahlmodellen zuwendet. Laurence’ Perspektive ist die eines VP für Content-Strategie, dessen Arbeitgeber von einer Community-zentrierten Verlagswelt profitiert – die Interessenlage ist also nicht neutral. Ausgeblendet bleibt, dass investigative Recherche oder öffentlich-rechtliche Angebote kaum zu den beschriebenen „Öl“-Quellen passen, weil sie per Definition keine exklusiven Nischenprodukte sein können. Die Antwort auf KI setzt zudem ganz auf individualistische Resilienz: Wer keinen Zugang zur Aufmerksamkeitsökonomie hat oder unpopuläre Arbeit leistet, bleibt unsichtbar. Die Normalisierung von Subskriptionsmodellen als Heilsweg verschleiert strukturelle Probleme wie Ungleichheit und Prekarisierung. Die Spin-Klasse schließlich illustriert einen selbstoptimierten, extrovertierten Lebensstil, der nicht allen offensteht. Für Medienleute, die sich an der Neuvermessung des Journalismus abarbeiten, lohnt der Text als pointierte Trendschau – mit genügend Abstand zu seinen impliziten Eigeninteressen.