Inken Behrmann und Valentin Ihßen – die Hosts des linken Politik-Podcasts „Was tun?" – sind bei Benjamin Emanuel Hoff zu Gast, um über die Machbarkeit eines rot-rot-grünen Regierungsprojekts in Berlin zu sprechen. Die Wahl im September 2026 könnte rechnerisch eine solche Mehrheit ermöglichen. Das Gespräch kreist um die Frage, ob die drei Parteien nach den Erfahrungen der letzten Legislatur tatsächlich bereit wären, wieder gemeinsam zu regieren, und was dafür nötig wäre, dass ein solches Bündnis nicht nur die Macht sichert, sondern eine glaubwürdige progressive Alternative darstellt. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass Berlin eine linke Erzählung brauche, um der Stadt eine neue Richtung zu geben – und dass diese Erzählung nicht aus einer Marketing-Agentur kommen könne, sondern aus der Alltagserfahrung der Menschen entstehen müsse.
Zentrale Punkte
- Milieugebundene Strategie für Rot-Rot-Grün Die drei Parteien müssten sich im Wahlkampf strategisch verschiedene Milieus erschließen, statt um dieselbe linksgrüne Wählerschaft zu konkurrieren: die Linke solle prekäre und bewegungsaffine Menschen adressieren, die Grünen das bürgerlich-linksgrüne Milieu und die SPD die Randbezirke und Ältere. Nur so, so die Überlegung, sei eine Wahl zu gewinnen, obwohl die Erzählung der dysfunktionalen Stadt für alle drei Wählergruppen etwas anderes bedeute.
- New York als Vorbild für Alltagspragmatismus Zohran Mamdanis Bürgermeister-Wahlkampf in New York habe gezeigt, wie progressive Politik mit konkreten, leicht verständlichen Forderungen – kostenlose Busse, eingefrorene Mieten, preiskontrollierte Lebensmittelläden – Menschen weit über das linke Milieu hinaus erreiche. Hinzu komme ein pragmatischer Ansatz, Bürger:innen etwa beim Schneeräumen einzubinden und zu entlohnen, was als aktivierend und verbindend für das Stadtgefühl beschrieben wird.
- Die Narrative der dysfunktionalen Stadt Die in Berlin verbreitete Erzählung, dass nichts funktioniere, wird als Realität für unterschiedliche Wählergruppen unterschiedlich erfahren – mal als Mangel an sicheren Radwegen, mal als fehlende Sozialwohnungen, mal als schlechte Anbindung der Außenbezirke. Daraus einen gemeinsamen Willen zur Veränderung zu formen, statt diese Frustration in ein Nullsummenspiel zwischen den Parteien münden zu lassen, sei die zentrale Herausforderung für ein linkes Regierungsprojekt.
Einordnung
Das Gespräch lebt von einem präzisen Blick auf die parteipolitischen Realitäten und die Widersprüche, die ein rot-rot-grünes Bündnis in Berlin zu überwinden hätte. Besonders aufschlussreich ist die Unterscheidung verschiedener städtischer Milieus und deren je eigene Erfahrung der „dysfunktionalen Stadt" – ein Ansatz, der über pauschale Diagnosen hinausgeht. Mit dem Fokus auf die Narrative, die ein linkes Projekt brauche, und der Diskussion des New Yorker Beispiels werden außerdem Fragen von Glaubwürdigkeit und Erzählung in den Mittelpunkt gerückt, was für ein Publikum jenseits der aktivistischen Blase interessant sein dürfte.
Die Grundannahme, Berlin brauche eine gemeinsame linke Erzählung, wird als selbstverständlich gesetzt – ohne zu diskutieren, ob politische Konflikte innerhalb eines solchen Bündnisses nicht auch produktiv sein könnten. Zudem bleibt trotz des Bezugs auf Randbezirke die Perspektive von Menschen, die sich von den drei Parteien gar nicht angesprochen fühlen, recht vage. Die Diskussion operiert stark im Modus des strategischen Kalküls; die konkrete Regierungspraxis – etwa die Details der Wohnungspolitik – wird nur gestreift, und bei all dem Optimismus für linke Leuchtturmprojekte wird die ernüchternde Erfahrung mit gescheiterten Vorbildern wie Syriza nur kurz erwähnt, aber nicht tiefer diskutiert. Wenn Valentin Ihßen sagt, viele Leute hätten politisch „ein wahnsinnig fragmentiertes Weltbild", zeigt sich das Spannungsfeld dieser Analyse: Sie will Nicht-Überzeugte erreichen, ohne genau zu beleuchten, wo deren Ansprechbarkeit endet.
Hörempfehlung: Wer verstehen will, wie linke Politik in deutschen Großstädten strategisch gedacht wird – zwischen sozialen Bewegungen, Wahlkampftaktik und Regierungsverantwortung –, findet hier viel Material zum Weiterdenken.
Sprecher:innen
- Inken Behrmann – Host des Podcasts „Was tun?", schreibt für die „Blätter für deutsche und internationale Politik"
- Valentin Ihßen – Host des Podcasts „Was tun?", Vorstand des Instituts Solidarische Moderne (ISM)
- Benjamin Emanuel Hoff – Host „Kunst der Freiheit", ehemaliger Minister in Thüringen, heute IG Metall-Vorstand