In der Ludwigstraße 37 in Halle wird gewerkelt. Der Beitrag der Tagesaktuellen Redaktion begleitet die Vorbereitungen zum 36. Hausfest, das am 8. Mai 2026 beginnt. Zwei Bewohner:innen geben Einblicke in ihr Projekt, das in den 1990er Jahren als besetztes Haus begann. Sie beschreiben einen Ort, der sich ständig zwischen der Suche nach einem anderen, schöneren Leben und den Zwängen von Verordnungen, Geld und zwischenmenschlichen Aushandlungsprozessen bewege. Der eigene Anspruch auf eine gelebte Utopie werde dabei stets mit der Realität von Gehweg-Sanierungen und endlosen Plena abgeglichen. Das Gespräch zeichnet das Bild eines seit Jahrzehnten bestehenden Freiraums, der für seine Macher:innen vor allem Arbeit und beständige Selbstkritik bedeute – und ein Wochenende, das der zunehmenden Gefühlskälte der Zeit etwas entgegensetzen wolle.
Zentrale Punkte
- Utopie zwischen Plenum und Ordnungsamt Das Hausprojekt sehe sich als Ort für ein schöneres, gemeinschaftliches Leben, das viel Arbeit und Selbstkritik erfordere. Dieses Ideal kollidiere jedoch ständig mit ganz alltäglichen Notwendigkeiten wie der Finanzierung, behördlichen Auflagen und den bei basisdemokratischen Entscheidungen unvermeidlichen, oft zermürbenden Diskussionsprozessen.
- Ein Fest als politische Gegenbehauptung Das diesjährige Hausfest setze einen klaren Fokus auf FLINTA-Personen auf der Bühne. In Zeiten, die subjektiv als „immer kälter und finsterer" wahrgenommen würden, solle das Wochenende nicht nur dem Feiern dienen, sondern verstehe sich auch als explizit politischer Raum, etwa mit einem Theaterstück über Wut oder einer Ausstellung zu jüdischen Heldinnen.
Einordnung
Der Beitrag lebt von der authentischen Atmosphäre vor Ort und gibt den Menschen Raum, die das Fest seit Jahren tragen. Ihre ehrliche Selbstreflexion – etwa das Eingeständnis, wie anstrengend basisdemokratische Prozesse sind oder dass Barrierefreiheit innen baulich nicht gelungen sei – verleiht dem Porträt Glaubwürdigkeit jenseits einer reinen Event-Ankündigung. Die Einblicke in den langen Vorlauf und die zwischenmenschlichen Reibungen zeigen, wie viel unbezahlte und oft unsichtbare Arbeit in solchen Freiräumen steckt.
Die ungebrochene Inszenierung des Projekts als eine Art Bollwerk gegen eine feindliche Umwelt verbleibt in einem spezifischen, sich selbst vergewissernden Sprachcode. Dass das line-up diesmal „so ein weibliches" sei, wird als explizites Highlight benannt – ein Qualitätsmerkmal, das anderswo als gelernte Selbstverständlichkeit gelten mag, hier aber betont politisch markiert wird. Externe, vielleicht auch mal grundsätzlich kritische Perspektiven auf das Projekt, die über die Innensicht der Bewohner:innen hinausgehen, sind in diesem Format naturgemäß nicht vorhanden.
Hörempfehlung: Für alle, die wissen wollen, wie sich linke Freiraum-Arbeit in Halle anhört und anfühlt – und was hinter den Kulissen eines selbstverwalteten Festivals passiert.
Sprecher:innen
- Katar – Bewohner:in des Hausprojekts Ludwigstraße 37, Mitorganisator:in des Hausfests
- Ade – Bewohner:in des Hausprojekts, seit mehreren Jahren beim Aufbau des Fests dabei