Im fünften Jahr des Krieges präsentiert sich die Ukraine zunehmend selbstbewusst und militärisch handlungsfähig. Die ARD-Korrespondentin Rebecca Barth schildert eine ukrainische Führung, die nicht länger als Bittstellerin auftrete, sondern als gefragter Partner für Deutschland und Europa. Die Episode zeichnet das Bild einer Nation, die durch Drohneninnovationen und Angriffe tief im russischen Hinterland das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten verschiebe – eine Entwicklung, die von der Redaktion als gegeben vorausgesetzt und nicht kritisch hinterfragt wird.
Die Diskussion dreht sich vor allem um militärische Schlagkraft, strategische Autonomie und die geopolitische Neuausrichtung Europas. Was dabei ausgeblendet bleibt: die politischen und völkerrechtlichen Implikationen einer Eskalation, die bewusst russisches Territorium ins Visier nimmt.
Zentrale Punkte
- Drohnen schaffen ein „gläsernes Schlachtfeld" Die massive Verbreitung von Drohnen habe eine bis zu 20 Kilometer tiefe „Todeszone" entstehen lassen, in der kein Soldat oder Fahrzeug mehr unbeobachtet bleibe. Dies führe zu einer völlig veränderten Frontdynamik, in der Infanteristen monatelang isoliert in Stellungen ausharren müssten und selbst Verwundete nur noch von unbemannten Bodendrohnen evakuiert werden könnten.
- Innovationsvorsprung durch Not und Pragmatismus Im Gegensatz zu jahrelangen Beschaffungsprozessen westlicher Armeen habe die Ukraine ein schnelles, marktnahes System geschaffen: Dutzende kleine Rüstungsfirmen stünden in direktem Kontakt mit den Streitkräften, Entwicklungszyklen dauerten nur noch Wochen. Diese Erfahrung mache das Land zu einem unverzichtbaren militärischen Partner für die NATO.
- Kriegsrückverlagerung als strategisches Druckmittel Die systematischen Angriffe auf russische Ölraffinerien, Häfen und Lagerstätten – teils hunderte Kilometer von der Grenze entfernt – zielten darauf ab, den Abnutzungskrieg asymmetrisch zu führen. Da die Ukraine bei Mensch und Material unterlegen sei, müsse sie „den Krieg zurück nach Russland bringen, dass die Menschen da auch was davon merken".
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der dichten, differenzierten Schilderung der militärischen Realität. Barth liefert konkrete Einblicke in eine Front, die von Drohnen dominiert wird, und macht nachvollziehbar, wie sich die Ukraine technologisch und strategisch neu aufgestellt hat. Das Gespräch ist informativ und verzichtet weitgehend auf pathetische Überhöhungen – es bleibt sachlich, auch wenn die Sympathie für die ukrainische Sache spürbar ist.
Kritisch ist jedoch die unhinterfragte Prämisse, dass Angriffe auf zivile Infrastruktur in Russland legitim und alternativlos seien. Die Formulierung, man müsse den Krieg „zurück nach Russland bringen", offenbart eine Logik, die zivile Belastungen auf russischer Seite bewusst in Kauf nimmt – ohne dass dies völkerrechtlich oder moralisch eingeordnet würde. Auch die Perspektive der russischen Bevölkerung, die unter diesen Angriffen leidet, taucht nicht als relevante Größe auf. Stattdessen wird die Episode zu einer Art Lagebericht von einem Schlachtfeld, dessen Grenzen zunehmend verschwimmen. Wer wissen will, wie die ukrainische Führung den Krieg im Frühjahr 2026 sieht, bekommt hier eine klare Darstellung; wer eine journalistische Distanz zu dieser Perspektive erwartet, muss sie anderswo suchen.
Sprecher:innen
- Rebecca Barth – ARD-Korrespondentin im Studio Kiew mit Fokus auf Sicherheits- und Militärpolitik
- Nadja Mitzkat – Host von 11KM, führt durch das Gespräch mit Nachfragen und Einordnungen