Roger Köppel kommentiert in dieser Solosendung von Weltwoche Daily die jüngsten Entwicklungen im Ukraine-Krieg: gemeinsame Manöver von NATO-Staaten mit der Ukraine, Diskussionen über einen integrierten Raketenabwehrschirm und die sogenannte Koalition der Willigen. Den analytischen Rahmen liefert die mimetische Theorie des französischen Kulturanthropologen René Girard. Köppel überträgt dessen Konzept des nachahmenden Begehrens auf den Ukraine-Konflikt: Sowohl der Westen als auch Russland würden die Ukraine als strategisches Objekt begehren, woraus eine sich stetig steigernde Rivalität entstehe. Beide Seiten nähmen sich dabei nur als reagierend wahr, während sie dem Gegenüber die Schuld an der Eskalation zuwiesen. In dieser Dynamik, so die im Podcast vertretene These, gliechen sich die Konfliktparteien zunehmend an – im Verhalten ebenso wie in der gegenseitigen Wahrnehmung. Bulgariens Ablehnung einer Beteiligung an der Koalition der Willigen wird als vernünftiger Deeskalationsimpuls hervorgehoben.
Zentrale Punkte
- Eskalation durch den Westen Die beschlossenen gemeinsamen Manöver und der geplante Raketenabwehrschirm mit der Ukraine seien faktische Kriegseintritte der europäischen NATO-Staaten. Jede westliche Eskalation liefere Russland wiederum Rechtfertigungen für weitere eigene Schritte.
- Girard und die nachahmenden Zwillinge Im Krieg würden Russland und der Westen zu spiegelbildlichen Rivalen, die einander immer ähnlicher würden – etwa in der gegenseitigen Imperialismus-Vorwürfen. Nur ein explizit christlicher Gewaltverzicht könne diese Dynamik durchbrechen.
- Ukraine als begehrtes Objekt Die Ukraine erscheine in dieser Lesart als passives Objekt, um das zwei Mächte ringen. Ihre eigenständige Handlungsfähigkeit oder ihr Sicherheitsbedürfnis werden nicht thematisiert; sie ist lediglich Gegenstand des mimetischen Begehrens.
Einordnung
Die Episode bietet eine ungewöhnliche Perspektive, indem sie mit René Girards Kulturtheorie ein anspruchsvolles philosophisches Modell auf aktuelle Kriegsdynamiken anwendet. Das ist intellektuell anregend und schafft Distanz zu rein tagespolitischen Kommentierungen. Auch der Hinweis auf Bulgariens abweichende Position innerhalb von EU und NATO erweitert das üblicherweise präsentierte Meinungsspektrum.
Allerdings operiert der Kommentar mit einer fragwürdigen Grundannahme: Dass westliches und russisches Handeln strukturell gleichwertig seien, wird als selbstverständlich gesetzt. Der russische Angriffskrieg, die völkerrechtswidrige Invasion und die Kriegsverbrechen werden nicht von eigenen Verteidigungsanstrengungen der Angegriffenen unterschieden. Die Ukraine kommt als eigenständiger Akteur mit legitimen Sicherheitsinteressen nicht vor; sie wird zum bloßen „Objekt des Begehrens". Dass NATO-Manöver und ein Luftverteidigungssystem als „Kriegseintritt" gerahmt werden, übernimmt das russische Deutungsmuster, ohne dies kenntlich zu machen. Wer die Kritik an angeblich unterdrückter Meinungsfreiheit in Europa mit dem Hinweis versieht, es „stimmt ja auch", nivelliert den Unterschied zwischen rechtsstaatlicher Regulierung und autoritärer Repression. Die EU-Beitrittsperspektive pauschal als „Milliardengrab" abzutun, ersetzt Analyse durch Polemik.
Hörwarnung: Die Episode stellt russische Kriegsaggression und westliche Unterstützung der Ukraine als spiegelbildlich gleichwertig dar – eine Perspektive, die den russischen Angriffskrieg verharmlost.