Abseits seiner gewohnten politischen Polemik wagt sich Mike Brock in dieser Ausgabe auf unerwartetes Terrain: Er seziert die Grundannahmen des Diskurses um Künstliche Intelligenz und erklärt ihn für fundamental fehlgeleitet. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich sowohl Untergangsprophet:innen als auch radikale Technikoptimist:innen im Kern einig sind – sie alle betrachten Intelligenz als eine skalierbare Größe, als eine Zahl auf einer stetig steigenden Kurve.
Brock hält dagegen und entwickelt die These, dass diese angenommene Kurve schlicht nicht existiert. „Die echte Argumentation liegt viel näher“, schreibt er und entfaltet ein physikalisch-philosophisches Gegenmodell. Er argumentiert, dass Intelligenz kein abstrakter Wert, sondern eine natürliche Eigenschaft sei, die an ein spezifisches Substrat gebunden ist. Sie existiere, ähnlich wie Bewusstsein, nur in einem stabilen thermodynamischen Bereich. Wörtlich heißt es: „Intelligenz gehört den Substrat-Beziehungen selbst, nicht den davon abstrahierten Berechnungen.“ Ein Black Hole sei demnach der negative Raum des Bewusstseins – das endgültige Scheitern der harmonischen Muster.
Die praktische Konsequenz dieser Sichtweise ist radikal: Verschiedene Versionen großer KI-Modelle – Brock nennt Claude 1 und Claude 5 – unterscheiden sich demnach nicht grundsätzlich in ihrer Intelligenz. Sie gleichen eher einem feiner aufgelösten Computermodell, das dieselbe Physik nur detaillierter darstellt. Was mit mehr Rechenleistung und Parametern wachse, sei etwas anderes, nicht jedoch die eigentliche Intelligenz. Der Autor entzieht damit sowohl den apokalyptischen Ängsten als auch den Heilsversprechen der Tech-Eliten die argumentative Basis.
Einordnung
Diese Ausgabe stellt eine bemerkenswerte Abkehr vom üblichen Fokus des Newsletters auf liberale Politik dar. Der selbsternannte „widerwillige Kassandra“ Mike Brock verlässt das Terrain der tagesaktuellen Kritik und begibt sich auf eine technik-philosophische Metaebene. Genau hier liegt die argumentative Stärke und Schwäche zugleich: Der Text ist eine in sich geschlossene, intellektuell reizvolle Provokation, die den Lärm der KI-Debatte durchdringen will. Sie tut dies jedoch, indem sie die gesellschaftlichen, politischen und ethischen Dimensionen der Technologieentwicklung – das eigentliche Kernthema des Projekts – vollständig ausblendet. Stimmen von marginalisierten Gruppen, die bereits unter aktuellen KI-Systemen leiden, oder kritische Perspektiven auf die Machtkonzentration in der Tech-Branche kommen schlicht nicht vor.
Brocks Perspektive bedient hier vor allem sein eigenes Narrativ des „intellektuell Heimatlosen“. Der Text richtet sich an Leser:innen, die eine Abneigung gegen den politischen Mainstream teilen und Trost in einer naturphilosophischen Außenseiterposition suchen. Für alle, die sich eine fundierte Einordnung der realen Machtkonflikte hinter der KI-Entwicklung erhoffen, ist diese Ausgabe eine Enttäuschung. Wer jedoch einen unkonventionellen Denkanstoß jenseits politischer Schützengräben sucht und bereit ist, sich auf ein physikalisch-metaphysisches Gedankenspiel einzulassen, findet hier eine pointierte und durchaus anregende Lektüre.