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Die Episode „Tabus – warum wir sie brauchen und manche brechen" aus dem SWR-Podcast „Das Wissen" nähert sich einem Begriff, der im öffentlichen Gespräch inflationär gebraucht wird. Autorin Marisa Gierlinger verbindet wissenschaftliche Einordnungen mit persönlichen Erfahrungsberichten. Dabei wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Enttabuisierung grundsätzlich mit Aufklärung und Fortschritt gleichzusetzen sei – eine Prämisse, die die Episode am Ende allerdings selbst vorsichtig hinterfragt.
Zentrale Punkte
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Tabus entstehen durch Sozialisation, nicht Gesetz Tabus seien keine formalen Verbote, sondern verinnerlichte Meidungsgebote, die durch Interaktion, Wiederholung und soziale Korrekturen von Kindesbeinen an erlernt würden.
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Schweigen macht Themen größer, nicht kleiner Was nicht ausgesprochen werde, bleibe anrüchig – obwohl es oft banal sei. Die Unterdrückung des Tabuisierten verstärke es psychologisch, wie Forschung zum sogenannten „rosa Elefanten"-Effekt zeige.
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Tabuisierung im Gesundheitsbereich schadet Betroffenen Wer über Krankheiten oder Sucht schweige, bekomme keine Hilfe und bleibe isoliert. Besonders Alkoholabhängigkeit und psychische Erkrankungen wie Schizophrenie trügen ein moralisches Stigma, das Hilfesuche verzögere.
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„Tabu" als politisches Kampfwort Der Begriff werde zunehmend als Totschlagargument benutzt, um sich in eine Opferrolle zu setzen – und lasse sich dabei sowohl für legitime Kritik als auch für die Normalisierung menschenverachtender Aussagen verwenden.
Einordnung
Die Episode leistet solide Aufklärungsarbeit: Sie bringt Sprachwissenschaft, Soziologie, Psychiatrie und Bioethik zusammen, ohne die Perspektiven gegeneinander auszuspielen. Die persönlichen Erfahrungsberichte von Markus Urban und Julia Brandner machen abstrakte Konzepte greifbar. Besonders stark ist der Abschnitt über den politischen Missbrauch des Tabu-Begriffs – hier wird klar benannt, dass der Vorwurf der „Zensur" oft dazu dient, diskriminierende Aussagen salonfähig zu machen, ohne diesen Zusammenhang moralisierend aufzublähen.
Etwas schematisch bleibt die Grundanlage der Episode: Sie arbeitet überwiegend mit dem Gegensatzpaar „schädliches Tabu" vs. „notwendige Grenze" und kommt dabei zu einem versöhnlichen Fazit, das die Spannung zwischen beiden Polen eher auflöst als auslotet. Die Frage, wer gesellschaftlich die Macht hat, Tabus zu setzen und zu brechen – und wen das asymmetrisch trifft –, bleibt weitgehend ungestellt.
Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die den inflationären Gebrauch des Tabu-Begriffs im öffentlichen Diskurs besser einordnen wollen.
Sprecher:innen
- Christine Kuck – Sprachwissenschaftlerin, Universität Magdeburg
- Reiner Keller – Professor für Soziologie, Universität Augsburg
- Georg Schomerus – Psychiater und Psychotherapeut, Universitätsklinikum Leipzig
- Silke Schicktanz – Professorin für Kultur und Ethik der Biomedizin, Universität Göttingen
- Markus Urban – Ex-Profifußballer, erster geouteter Profifußballer Deutschlands
- Julia Brandner – Stand-up-Comedian und Autorin