Die Episode begleitet den 84-jährigen Amateurbotaniker Lenz Meierott, der maßgeblich an der neuen „Flora von Bayern" mitgewirkt hat – einem 3000-seitigen Werk, das erstmals alle rund 6000 Pflanzenarten des Bundeslandes dokumentiert. Die Darstellung verwebt die persönliche Leidenschaft des Forschers mit der wissenschaftlichen Bedeutung des Projekts. Als selbstverständlich wird dabei gesetzt, dass die akribische Inventarisierung der Natur ein intrinsisch wertvoller und notwendiger Beitrag ist, um eine faktische Grundlage für politische und behördliche Entscheidungen zu schaffen.
Zentrale Punkte
- Kartierung als Mammut-Gemeinschaftswerk Die neue Flora von Bayern sei nur durch das Zusammenspiel von etwa 200 Ehrenamtler:innen und Berufsbotaniker:innen über Jahrzehnte möglich gewesen. Lenz Meierott selbst habe als Autodidakt ohne Biologiestudium zehntausende Belege gesammelt und Kartierlisten geführt. Die Arbeit sei nie abgeschlossen, da die Natur im ständigen Wandel begriffen sei.
- Daten als Grundlage für Schutzpolitik Die aus 250 Jahren zusammengetragenen 16 Millionen Verbreitungsdaten dienten nicht nur der Wissenschaft, sondern vor allem den Naturschutzbehörden. Sie zeigten, wo Bayern eine besondere Verantwortung für Arten habe, wo Maßnahmen dringend seien und machten den Rückgang von 82 bereits ausgestorbenen Arten sichtbar. Das Werk sei die Basis für Rote Listen und Arterhaltungsprogramme.
- Herbarbelege als genetisches Archiv Die gesammelten und gepressten Pflanzen dienten als unersetzliche Zeitkapseln. Anhand alter Belege könne man heute DNA extrahieren und mit aktuellen Proben vergleichen, um zu erforschen, wie Pflanzen epigenetisch auf den Klimawandel reagieren. Für manche in der Natur ausgestorbene Arten seien die Belege die einzige verbliebene genetische Ressource.
Einordnung
Der Beitrag zeichnet sich durch eine hohe journalistische Qualität aus, die Wissenschaftsvermittlung auf zwei Ebenen betreibt: Zum einen wird das abstrakte, jahrzehntelange Kartierungsprojekt durch die persönliche und sehr anschauliche Reportage über Lenz Meierott greifbar. Der Hörer:in wird über die sinnliche Schilderung von Herbarbelegen und Geländebegehungen ein emotionaler Zugang zur trockenen Materie der Taxonomie ermöglicht. Gelungen ist die Darstellung des Projekts als Zusammenspiel von professioneller Wissenschaft und bürgerschaftlichem Engagement, die den Wert oft übersehener ehrenamtlicher Arbeit betont.
Die Perspektive bleibt allerdings stark auf die Dokumentation des Ist-Zustands und die vergangene Entwicklung fokussiert. Die Frage, welche gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Interessen dem Artenschutz und der Kartierung aktiv entgegenstehen oder diese behindern, wird nicht gestellt. Landwirtschaft und Flächenversiegelung werden als Ursachen des Artenschwunds benannt, aber nicht in einem Spannungsfeld zu anderen politischen Zielen diskutiert. Zudem wird die Annahme, dass behördlicher Naturschutz auf Basis dieser Daten automatisch effektiv sei, vorausgesetzt – strukturelle Hürden oder politökonomische Widerstände gegen konsequente Schutzmaßnahmen bleiben unerwähnt. Ein zentrales Zitat zeigt diese Rahmung: Die Arbeit sei eine Pflicht, „weil wir gar nicht wissen, für was diese Arten überhaupt gut sind" – was den Wert der Natur primär über eine potenzielle, auch ökonomische Nutzbarkeit für den Menschen und weniger über einen Eigenwert begründet.
Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die ein Faible für die unsichtbare Arbeit hinter wissenschaftlicher Grundlagenforschung haben oder verstehen wollen, wie Naturschutz von der Pike auf funktioniert – und das ohne Fachjargon, sondern nah an der Person.
Sprecher:innen
- Julius Bretzel – Journalist und Autor der IQ-Folge, interessiert an botanischen Themen
- Lenz Meierott – 84-jähriger Amateurbotaniker und Hauptautor der „Flora von Bayern" (2024)
- Andreas Fleischmann – Mitherausgeber der Flora und Wissenschaftler an der Botanischen Staatssammlung München