Das Feature begleitet einen vom Forum Ratenau organisierten „Zukunftsgipfel“, zu dem 60 Auszubildende aus dem mitteldeutschen Braunkohlerevier geladen sind. In Workshops zu Themen wie Gehaltsverhandlung, Konfliktlösung, Altersvorsorge oder KI-Nutzung geht es um die Frage, wie die jungen Menschen ihre berufliche und private Zukunft gestalten können. Die angebotenen Lösungen setzen nahezu durchgängig auf individuelle Kompetenzentwicklung und unternehmerisches Denken. Dass Zukunft vor allem durch persönliche Anpassungsfähigkeit zu bewältigen sei, wird dabei als gemeinsamer Rahmen gesetzt. Strukturelle Faktoren wie regionale Wirtschaftspolitik oder Tarifbindung tauchen nur am Rande auf, während der Appell, die eigenen Chancen zu ergreifen, die Diskussion trägt.

Zentrale Punkte

  • Ausbildung als Frustrationserfahrung Viele Azubis nähmen die Ausbildung als Zeit wahr, in der sie vor allem unbeliebte Arbeiten erledigen und kaum Wertschätzung erführen. Es brauche bessere Integration in anspruchsvolle Tätigkeiten und mehr Anerkennung, um Bindung und Vertrauen zu schaffen.
  • Selbstoptimierung als Zukunftsrezept Die Workshops vermittelten, dass die Gestaltung der eigenen Zukunft vor allem eine Frage der persönlichen Haltung und des Erwerbs von „Future Skills“ sei – von Gehaltsverhandlung über Storytelling bis zur privaten Altersvorsorge. Die Botschaft sei stets: Wer sich selbst vermarkten und weiterbilden könne, finde seinen Weg.
  • Strukturwandel als Chancenraum Der regionale Strukturwandel werde als gegebener Rahmen dargestellt, in dem sich junge Menschen mit Eigeninitiative positionieren müssten. Politische Gestaltbarkeit oder kollektive Interessenvertretung würden kaum thematisiert; stattdessen liege der Fokus auf individuellen Karrierewegen und unternehmerischer Anpassung.

Einordnung

Die Stärke des Features liegt in den ungefilterten Einblicken in die Lebens- und Arbeitswelten junger Menschen in einer strukturschwachen Region. Die Azubis kommen selbst zu Wort und schildern glaubwürdig, wie sie den Widerspruch zwischen hohen Erwartungen an Flexibilität und den oft engen Grenzen ihrer Ausbildungsrealität erleben. Dass der Gipfel praktische Hilfestellungen – etwa zu Steuern oder Bewerbungen – bietet und auf Empowerment zielt, ist nachvollziehbar und in Teilen überfällig.

Kritisch zu sehen ist die fast vollständige Abwesenheit von Perspektiven, die die strukturelle Ebene jenseits der Selbstverantwortung denken: Tarifverträge, Mitbestimmung oder gewerkschaftliche Organisation kommen kaum vor. Die Prämisse, dass jeder seines Glückes Schmied sei, wird durch das gesamte Programm getragen und nicht gegengelesen. So sagt ein Workshopleiter über junge Menschen: „wenn sie Verantwortung für sich selbst übernehmen können, können sie es auch für das, was außenrum passiert“ – eine Reihenfolge, die politische Teilhabe vom individuellen Erfolg abhängig macht und die Frage, wer unter prekären Bedingungen „selbst verantwortlich“ sein soll, unbeantwortet lässt.

Sprecher:innen

  • Leo – Mitorganisator vom Forum Ratenau, das den Zukunftsgipfel konzipierte
  • Igor Volz – Workshopleiter zum Thema Storytelling als stärkstes Argument im Job
  • Jan Pilot – Bildungstexter, leitete den Workshop „KI statt Kopfzerbrechen“