Paul Krugman analysiert in dieser Ausgabe die Folgen des Trump-Xi-Gipfels und konzentriert sich dabei auf die Ankündigung, China werde mehr US-Öl kaufen. Er bezeichnet dies nicht als Erfolg, sondern als Eigentor, das die negativen Effekte der aktuellen Ölmarkt-Lage für die meisten Amerikaner:innen noch verschärfen wird. Krugman legt die Mechanismen hinter dieser kontraintuitiven Schlussfolgerung Schritt für Schritt offen.
Der zentrale Punkt ist: Die USA sind zwar Netto-Ölexporteur, aber kein isolierter Markt. Die durch den Krieg und die Blockade der Straße von Hormuz ausgelöste globale Ölknappheit hat die Preise in die Höhe schießen lassen. Diese hohen Weltmarktpreise machen es für US-Produzenten lukrativ, mehr Öl ins Ausland zu verkaufen. Krugman stellt fest, dass die Nettoexporte sich auf 5,8 Millionen Barrel pro Tag fast verdoppelt haben, was zwar der Weltwirtschaft helfe, aber den Inlandsmarkt unter Druck setze: "More oil being shipped abroad means less oil for the US market so prices have risen." Die direkte Folge sind Benzinpreise, die um 1,50 bis 1,60 Dollar pro Gallone höher liegen als vor dem Krieg. Wenn nun China, das nach Öl dürstet, zusätzliche Mengen aus den USA abnimmt, würde dies den Preisdruck im Inland und damit die Belastung für die Bürger:innen weiter erhöhen.
Anschließend seziert Krugman die Verteilungsfrage: Wer profitiert überhaupt von den hohen Preisen? Die Profite der Ölkonzerne seien sprunghaft gestiegen, doch dies komme kaum der breiten Bevölkerung zugute. Er schätzt, dass bis zu 40 Prozent der US-Aktien in ausländischer Hand sind, ein großer Teil der Extra-Gewinne also ins Ausland abfließt. Von den verbleibenden Aktiengewinnen lande fast alles bei den oberen zehn Prozent der Bevölkerung. Sein vernichtendes Urteil dazu: "So, on balance, certainly 80, 85% or more of the US public is a net loser from higher oil prices and hence a net loser from increased US sales of oil abroad." Daran ändere auch das Steuersystem nichts, da Kapitaleinkünfte deutlich geringer belastet würden als Arbeitseinkommen.
Abschließend widerspricht Krugman der politischen Logik, diesen Deal als Erfolg zu feiern. Er argumentiert, dass die hohen Spritpreise diesmal ein hausgemachtes Problem der Trump-Regierung seien: "Except this time around the price of gasoline is higher because Donald Trump decided to start a war. End of story." Die Ankündigung weiterer Exporte sei daher politisch toxisch, auch wenn Krugman skeptisch ist, dass die Chinesen ihre Kaufversprechen tatsächlich einlösen werden. Für ihn bleibt der potenzielle Deal ein Paradebeispiel für ein wirtschaftspolitisches Eigentor.
Einordnung
Krugmans Analyse ist eine effiziente ökonomische Dekonstruktion einer politischen Scheinlösung. Er legt gekonnt die Kluft zwischen nationalem Handelsüberschuss-Denken und der realen Betroffenheit von Verbraucher:innen offen. Die Argumentation ist stringent, blendet aber andere Perspektiven bewusst aus: Geopolitische Stabilitätsgewinne oder strategische Vorteile einer engeren Energiepartnerschaft mit China werden nicht diskutiert. Der Text ist von einer latenten, der ökonomischen Schule entspringenden Annahme durchzogen, dass eine ungleiche Verteilung, die den breiten Konsument:innen schadet, per se ein Politikversagen darstellt – eine normative Setzung, die nicht jeder teilen muss.
Die Analyse stärkt die Position derjenigen, die Wirtschaftspolitik primär anhand ihrer Verteilungswirkung auf die unteren und mittleren Einkommensschichten bewerten, und delegitimiert effektiv die "Trickle-Down"-Erzählung, wonach Wohlstand der Konzerne irgendwie allen zugutekomme. Der Newsletter ist für jede:n politisch und ökonomisch interessierte:n Leser:in wertvoll, der oder die verstehen möchte, wie globale Märkte und Verteilungspolitik zusammenhängen, birgt aber die Gefahr einer gewissen Eindimensionalität. Er ist eine starke und klare Intervention in einer kontroversen Debatte, die man nicht unkritisch übernehmen muss, aber kaum ignorieren kann.