Drei unabhängige Beiträge verbindet in dieser „Focus Süd"-Sendung des Freien Radios Dreiland eine gemeinsame Suche: die Frage nach Räumen – politischen, physischen, gesellschaftlichen – und wer sie wie mit Leben füllen darf. Im ersten Teil stellen Donna und Joda das Kollektiv „Umpolen" vor, das Leerstand in Karlsruhe mit einem konsumfreien Programm bespielt. Sie beschreiben ihren Ansatz, wenig sanierte Orte wie den ehemaligen Löwenbräukeller niedrigschwellig für Begegnung zu öffnen. Im zweiten Teil erläutert ein Arzt der Organisation IPPNW, warum die alten Schweizer Atomkraftwerke aus seiner Sicht ein gravierendes grenzüberschreitendes Risiko darstellten und die künftige Landesregierung in Stuttgart Druck ausüben müsse. Der dritte Beitrag lässt mit Paula Kanzleiter eine Aktivistin von Fridays for Future zu Wort kommen, die am neuen Koalitionsvertrag für Baden-Württemberg kritisiert, Klimapolitik werde darin nicht als umfassende Krise begriffen, sondern auf ein Hobby reduziert.
Zentrale Punkte
- Kultur und Begegnung jenseits des Konsums Das Kollektiv „Umpolen" nutze leerstehende Gebäude als konsumfreie Räume für ein gemischtes Programm aus Lesungen, Workshops und gemeinsamem Kochen. Der ehemalige Löwenbräukeller solle für drei Monate ein „Wohnzimmer der Weststadt" werden, das Menschen ohne Kaufzwang und Eintrittsgeld zusammenbringe. Dabei gehe es auch darum, sensibel mit den Erinnerungen der Nachbarschaft an diesen emotional besetzten Ort umzugehen.
- Grenznahe Atomkraftwerke als unbeherrschbare Gefahr Vierzig Jahre nach Tschernobyl seien besonders die Schweizer Reaktoren Beznau, Gösgen und Leibstadt aufgrund ihres hohen Alters und veralteter Sicherheitsarchitektur ein unterschätztes Risiko für Baden-Württemberg. Im Falle eines Unfalls in Leibstadt müssten in Deutschland bis zu einer halben Million Menschen umgesiedelt werden. Die IPPNW fordere deshalb ein Schiedsverfahren gegen die Laufzeitverlängerung und eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung.
- Klimapolitik als irritierende Randnotiz Fridays for Future sehe im baden-württembergischen Koalitionsvertrag eine bewusste Entleerung klimapolitischer Verbindlichkeit. Das Zwischenziel für 2030 werde aufgeweicht, der Klimasachverständigenrat geschwächt und die Erneuerbaren kaum adressiert. Statt eine Vorreiterrolle auszufüllen, sei der Vertrag geprägt von der Haltung, nicht mehr tun zu müssen als unbedingt nötig.
Einordnung
Die Sendung gibt Einblick in drei selbstverständlich von links positionierte Perspektiven, ohne diesen Standort zu verhüllen. Das ist die Stärke Freier Radien: Sie liefern O-Töne von Akteur:innen, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft nur vermittelt vorkommen – hier sprechen Hausbesetzer:innen, Anti-Atom-Ärzt:innen, Klimaaktivist:innen ganz direkt und ungeschnitten. Besonders anschaulich wird der „Umpolen"-Beitrag durch die konkrete Beschreibung des Raums und die spürbare Freude der Beteiligten. Der IPPNW-Beitrag arbeitet mit Zahlen und Studien, die die Risikowahrnehmung mit Daten unterfüttern. Paula Kanzleiter benennt detailliert die Schwachstellen des Koalitionsvertrags und kann so über den bloßen Vorwurf der „Ambitionslosigkeit" hinausgehen.
Problematisch ist die durchgängige Abwesenheit von Gegenstimmen. Die Beiträge sind keine Diskussionen, sondern Bühnen für jeweils eine Position: Atomenergie wird ausschließlich als Hochrisikotechnologie gezeichnet, der Koalitionsvertrag nur auf seine klimapolitischen Leerstellen hin befragt. Das zu leisten ist das gute Recht eines meinungsstarken Freien Radios, aber es überhöht die eigenen Aussagen stellenweise zu unhinterfragten Wahrheiten. So wird etwa die Forderung nach einem Schiedsverfahren als rechtlich zwingend dargestellt, ohne die politischen Hürden auch nur zu streifen. Die „Focus Süd"-Anmoderation, man höre „Nachrichten von links unten", steckt den Rahmen ehrlich ab – für Hörer:innen, die kompakte Gegenwartsanalyse aus aktivistischer Perspektive suchen, bietet die Sendung genau das.