In der niederländischen Kleinstadt Loosdrecht eskalieren seit Wochen Proteste gegen eine Notunterkunft für Geflüchtete. Eine Mischung aus lokalen Anwohner:innen und organisierten rechten Gruppen protestiere dort täglich – mit Fackeln, Feuerwerk und zunehmender Gewalt. Am 12. Mai habe jemand Feuer vor dem Gebäude gelegt, während 15 Geflüchtete drinnen waren. Die Feuerwehr sei am Löschen gehindert worden. Der freie Journalist Tobias Müller beschreibt, wie solche Vorfälle kein Einzelfall seien, sondern Teil einer landesweiten Bewegung gegen die Verteilung von Asylsuchenden. Im Zentrum stehe die Figur des „besorgten Bürgers", deren Sicherheitsängste vor allem mit dem Geschlecht der Geflüchteten – jungen Männern – begründet würden.
Zentrale Punkte
- Lokale Ängste und rechte Organisationen verschmelzen Müller beschreibe eine „Melange" aus unorganisierten besorgten Bürger:innen und Netzwerken wie „Defend Netherlands". Die Unterscheidung zwischen spontanem Protest und geplanter Aktion verschwimme gezielt, während sich die Sprecher:innen von der Gewalt stets distanzierten, aber weiter jeden Abend demonstrierten.
- Politische Brandstifter von ganz rechts Politiker wie Geert Wilders und die Fraktionsvorsitzende der rechtsextremen „Forum für Demokratie" besuchten solche Protestorte gezielt. Wilders rufe seit Jahren zum „Widerstand" auf und fordere die Schließung aller Asylbewerberzentren. Die Politiker:innen agierten wie „Volkstribunen" und gäben den Protestierenden das Gefühl, Teil einer größeren Bewegung zu sein.
Einordnung
Das Gespräch liefert eine dichte, vor Ort recherchierte Beschreibung der Eskalationsdynamik. Müller unterscheidet sorgfältig zwischen verschiedenen Akteursgruppen und benennt konkrete politische Verantwortlichkeiten. Er ordnet die Gewalt weder als „Einzelfall" ein, noch überhöht er sie – der Hinweis, es handle sich nicht um „Rostock-Lichtenhagen", vermeidet Alarmismus, ohne zu verharmlosen.
Kritisch bleibt, dass die Perspektive der Geflüchteten vollständig fehlt: „Niemand weiß das", sagt Müller zum Zustand der Betroffenen nach dem Brand. Auch die wiederholte Rahmung, die Proteste entzündeten sich „natürlich" daran, dass es „alles junge Männer" seien, bleibt unwidersprochen und reproduziert damit die Logik, männliche Geflüchtete seien per se ein Sicherheitsrisiko. Die lokalen „Sorgen" werden als verständlich präsentiert, ohne die dahinterstehende Geschlechterstereotypisierung zu hinterfragen.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie rechte Mobilisierung auf kommunaler Ebene funktioniert und wie verbale Hetze von Spitzenpolitiker:innen in physische Gewalt umschlägt, bietet das Gespräch wertvolle Einblicke.
Sprecher:innen
- Tobias Müller – Freier Journalist und Benelux-Korrespondent
- Unbenannte Moderation – Freies Radio, deutschsprachig