In dieser Live-Ausgabe von Freiheit Deluxe spricht Jagoda Marinić mit der Grünen-Politikerin Ricarda Lang. Das Gespräch bewegt sich zwischen persönlicher Biografie und politischer Analyse: Lang erzählt von ihrer Wut, als das Frauenhaus geschlossen wurde, in dem ihre Mutter arbeitete, von Erfahrungen mit Bodyshaming und davon, wie sie im Politikbetrieb zeitweise den Zugang zu sich selbst verlor. Die Diskussion kreist um die Frage, wie demokratische Politik Menschen erreichen kann, die sich von ihr abgewandt haben – und warum viele progressive Kräfte eine Sprache sprechen, die an den Lebensrealitäten vorbeigeht.
Als zentrale Herausforderung wird benannt, dass linke Parteien technokratisch geworden seien und kaum Antworten auf das Bedürfnis nach Würde und Selbstachtung fänden. Lang plädiert für klarere Kampfansagen, etwa gegenüber Tech-Oligarchen, und reflektiert selbstkritisch die eigene Rolle während der Ampelzeit. Marinić hinterfragt dabei immer wieder, ob Politiker:innen heute überhaupt noch die Freiheit haben, sich auf Inhalte zu konzentrieren – oder ob sie zu Getriebenen einer aufgeregten Öffentlichkeit geworden sind.
Zentrale Punkte
- Freiheit als sehr persönlicher Begriff Lang verbinde Freiheit mit der eigenen emotionalen und spirituellen Entwicklung. Sie habe zeitweise versucht, ihr Ich aus der Politik herauszuhalten, und erst später gemerkt, dass sie sich diese Freiheit nehmen müsse, um nicht zu einer Hülle ihrer selbst zu werden.
- Humor als Ermächtigung gegen öffentliche Angriffe Statt mit Wut oder Empörung auf körperbezogene Herabwürdigungen zu reagieren, habe Lang Humor als effektiveres Mittel entdeckt. Durch selbstironisches Aufgreifen von Memes habe sie Souveränität und Deutungshoheit zurückgewonnen – und gemerkt, dass Humor eine wirkungsvolle politische Strategie sein könne.
- Technokratische Sprache als Problem progressiver Kräfte Nach Langs Analyse hätten linke Parteien verlernt, alltagsnah über existenzielle Sorgen zu sprechen. Stattdessen bewegten sie sich in einer Fachsprache, die nur innerhalb des politischen Betriebs funktioniere. Begriffe wie „Verschiebebahnhof“ dienten als Beispiel für eine Kommunikation ohne Bezug zur Lebensrealität.
- Prekäre Mitte als zentrale politische Kampflinie Lang sehe den Wunsch vieler Menschen, aus eigener Kraft ein gutes Leben führen zu können, als unterschätzt an. Der Kampf müsse sich darauf richten, dass Löhne zum Leben reichten und Preise bezahlbar würden – und nicht nur darauf, staatliche Unterstützung für diejenigen zu organisieren, die bereits scheiterten.
Einordnung
Das Gespräch bietet tiefe Einblicke in das Selbstverständnis einer Spitzenpolitikerin, die öffentliche Anfeindungen als persönliche Krise erlebte und daraus eine reflektierte Haltung entwickelte. Lang argumentiert selbstkritisch, etwa wenn sie einräumt, dass die Grünen in der Ampelzeit aus Angst ihr eigenes Milieu nicht ausreichend herausgefordert hätten. Sie benennt konkrete strukturelle Defizite demokratischer Kommunikation und zeigt anhand eigener Erfahrungen, wie schnell Politiker:innen zu Getriebenen von Social-Media-Dynamiken werden können. Die Dynamik zwischen Marinić und Lang ist lebendig – Marinić hakt nach, provoziert und bringt Lang dazu, Positionen zu präzisieren.
Auffällig ist, dass wirtschaftspolitische Machtfragen sehr allgemein bleiben. Wenn Lang Tech-Oligarchen den Kampf ansagen will, bleibt offen, wie das konkret aussehen soll und welche ordnungspolitischen Konflikte damit verbunden wären. Die Lösung, die sie für die „prekäre Mitte“ vorschlägt – Preise senken, Löhne erhöhen –, setzt ein harmonistisches Bündnis zwischen Mieter:innen und Häuslebauer:innen voraus, ohne die gegensätzlichen Interessen etwa bei der Wohnraum- oder Energiepolitik zu thematisieren. Auch fehlt eine Auseinandersetzung damit, warum progressive Kräfte zwar Missstände diagnostizieren, aber oft keine konkreten Verteilungsfragen stellen. Langs Bekenntnis zur Selbstbestimmung der eigenen Entscheidungen – etwa im Hinblick auf X – ist nachvollziehbar, blendet aber aus, dass strukturelle Macht oft nicht durch individuelles Ausharren zu verändern ist, sondern kollektives Handeln braucht.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen wollen, wie persönliche Erfahrungen politisches Handeln prägen und wo demokratische Parteien kommunikativ an ihre Grenzen stoßen.
Sprecher:innen
- Ricarda Lang – Bundestagsabgeordnete (Grüne), ehemalige Co-Vorsitzende, Schwerpunkt Sozialpolitik
- Jagoda Marinić – Autorin, Kolumnistin und Host des Podcasts Freiheit Deluxe