Le masque et la plume: CRITIQUE l "Les rayons et les ombres", "Police Flash 80", "Le crime du 3e étage..." Découvrez les critiques du Masque
Von Giannolis Historienepos bis zur 80er-Jahre-Cop-Komödie: Die französische Kritikerkonferenz diskutiert streitbar die aktuellen Kinostarts.
Le masque et la plume
52 min read2808 min audioIn der Kultursendung „Le Masque et la Plume“ debattiert ein Panel aus Filmkritiker:innen über fünf aktuelle Kinostarts. Die Diskussionskultur ist geprägt von pointierten, oft diametral entgegengesetzten Meinungen, wobei das Kino als gesellschaftliches Spiegelbild und Kunstform mit hohem ästhetischem Anspruch vorausgesetzt wird. Die Argumentationen der Runde machen deutlich, wie Filme stets vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeistes dechiffriert werden.
Auffällig ist, wie formale Strenge und moralische Eindeutigkeit immer wieder als unhinterfragte Bewertungsmaßstäbe angelegt werden. Historische Filme werden routinemäßig auf ihre tagespolitische Relevanz abgeklopft, während Unterhaltungskino sich oft dem Vorwurf der handwerklichen Faulheit stellen muss. Dabei zeigt sich ein gewisses intellektuelles Gefälle: Während Autorenkino mit tiefschürfenden Vokabeln analysiert wird, entzieht sich reines Genrekino oft einer tieferen gesellschaftspolitischen Kritik. Das Studiopublikum wird aktiv in die hitzige Debatte einbezogen, was die teils theoretischen Diskurse bricht.
### Zentrale Punkte
* **Historie und Moral**
Schaller und Murat würden Giannolis Kollaborateur-Epos als riskanten, aber brillanten Spiegel heutiger moralischer Verwerfungen loben. Garson hingegen empfinde die Erzählstruktur als verworren.
* **Handwerk und Hommage**
Die Hitchcock-Hommage von Rémi Besançon falle bei der Kritik weitgehend durch. Die Runde sei sich einig, dass das Werk zu schulmeisterlich wirke und an seinen filmgeschichtlichen Ambitionen scheitere.
* **Nostalgie und Sexismus**
Während Colombani die 80er-Jahre-Polizeikomödie als erfrischende Sitcom verteidige, würden andere Panel-Mitglieder die unreflektierte Reproduktion reaktionärer Polizei-Klischees rügen.
* **Ästhetik vs. Emotion**
Beim ungarischen Drama von László Nemes scheiden sich die Geister an der Form. Die Inszenierung werde teils als meisterhaftes Märchen gelobt, teils als emotional unterkühlt und erdrückend kritisiert.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine lebendige, offene Streitkultur, in der die Kritiker:innen ihre ästhetischen und moralischen Maßstäbe transparent machen. Besonders stark ist das Format, wenn historische Stoffe auf ihre gegenwärtige Relevanz befragt werden, etwa beim Thema Kollaboration und Opportunismus. Problematisch bleibt mitunter der Umgang mit diskriminierenden Tropen im Mainstream-Kino: Wenn misogyne und reaktionäre Polizei-Narrative zwar als solche benannt, aber von Teilen der Runde letztlich als humoriger Pastiche abgetan werden, normalisiert der Diskurs diese Deutungsmuster. Schaller veranschaulicht diese diskursive Ambivalenz, wenn er dem Film bescheinige, er besitze einen "impensé machiste et totalement réac" (Übersetzung: "unreflektierten machistischen und völlig reaktionären Kern"), die Komödie aber gleichzeitig als fernsehtaugliches Vergnügen relativiert. Die Einbindung von Publikumsstimmen erdet die teils sehr elitäre Kunstbetrachtung jedoch wohltuend und sorgt für eine demokratischere Perspektive.
### Sprecher:innen
* **Rebecca Manzoni** – Moderatorin der Sendung
* **Charlotte Garson** – Stellv. Chefredakteurin der „Cahiers du Cinéma“
* **Pierre Murat** – Journalist und Autor
* **Florence Colombani** – Journalistin und Filmkritikerin („Le Point“)
* **Nicolas Schaller** – Journalist („L'Obs“)