Noah Berlatsky analysiert in dieser Ausgabe von "Public Notice" den drastischen politischen Stimmungswandel in den ländlichen Regionen des Mittleren Westens und der Plains-Staaten. Die Kernthese: Die Trump-Regierung habe jene Wähler:innen wirtschaftlich „brutalisiert", die ihr 2024 noch zu einem massiven Sieg bei der Landbevölkerung verhalfen. Berlatsky identifiziert dafür ein dreigleisiges Desaster: unberechenbare Zölle, die Deportation unverzichtbarer Arbeitskräfte und ein verlustreicher Krieg im Nahen Osten.
Besonders eindrücklich wird die Zollpolitik zerlegt. Ein Zitat bringt die Scheinheiligkeit auf den Punkt: Trump räumte ein, Farmer würden „für eine kleine Weile leiden, bis die Zölle zu ihrem Vorteil wirken". Das Ergebnis sei jedoch ein Einbruch der Agrarexporte nach China um fast 78 Prozent gewesen, während gleichzeitig die Preise für Traktoren und Maschinenteile durch Stahlzölle explodierten. Ein neuer Traktor koste heute 330.000 statt 190.000 Dollar im Jahr 2019.
Das zweite Argument betrifft den Arbeitsmarkt. Durch die Beendigung von rund 30.000 Arbeitserlaubnissen für migrantische Farmarbeiter:innen fehle es an Erntehelfer:innen. Berlatsky prognostiziert einen Preisanstieg bei Lebensmitteln um 14,5 Prozent als direkte Folge dieser xenophoben Politik. Der dritte Krisenfaktor ist der verlorene Krieg. Die Explosion der Preise für Düngemittel und Diesel, so wird am Beispiel eines Farmers aus Pennsylvania drastisch geschildert, zwinge nun selbst treueste Trump-Wähler:innen zur Aufgabe ihrer Höfe.
Diese wirtschaftliche Verheerung schlägt sich, so der Autor, in einer beispiellosen politischen Erosion nieder. Unterfüttert mit Daten zu Sonderwahlergebnissen – etwa einem Swing von über 24 Punkten zu den Demokrat:innen in Iowa oder einem um 50 Punkte nach links gerückten Bezirk in Oklahoma – zeichnet er das Bild einer bevorstehenden Abrechnung. Als Kronzeuge dient der republikanische Senator Jerry Moran, der die Lage für Farmer als die „schwierigste" in seinen 44 Jahren als Mandatsträger bezeichnet. Die Schlussfolgerung ist zugespitzt: Die Landbevölkerung beginne schmerzhaft zu realisieren, dass Trump sie „hasse".
Einordnung
Die Analyse ist eine stringente Abrechnung mit der republikanischen Wirtschaftspolitik aus einer klar linksliberalen Perspektive, die konsequent die Perspektive der „Verräter:innen" fokussiert – nämlich jene der konservativen Basis. Ausgeblendet bleibt dabei, ob die von ihm skizzierte landwirtschaftliche Krise auch auf langfristige strukturelle Probleme oder globale Marktmechanismen jenseits von Trump zurückzuführen ist. Die Argumentation lebt von der moralischen Wucht des Zitats und einem Framing, das ökonomische Sachzwänge als persönliche Boshaftigkeit Trumps interpretiert. Geflissentlich übergangen wird die Frage, ob milliardenschwere direkte Nothilfen nicht doch einen Teil der Wähler:innen beschwichtigen könnten.
Der Text bietet eine hochrelevante, wenngleich parteiische Einordnung des politischen Erdbebens, das sich im Mittleren Westen abzeichnet. Für Leser:innen, die verstehen wollen, warum selbst tiefrote Hochburgen der Republikaner:innen wackeln könnten und wie die wirtschaftliche Realität ideologische Loyalität untergräbt, ist diese kompakte Analyse sehr lesenswert – vorausgesetzt, man teilt nicht die Illusion, Trump handele planlos, sondern sieht in diesem Newsletter eine präzise formulierte, aber unverhohlen progressive Gegendarstellung zur MAGA-Propaganda.