Annette Dittert, ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin und Autorin des Spiegel-Bestsellers „Dear Britain“, spricht mit Wolfgang Heim über den Zustand Großbritanniens. Das Gespräch bewegt sich zwischen politischer Analyse und persönlicher Erfahrung – Dittert lebt seit Jahren auf einem Hausboot in London und hat kürzlich die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Ihre Perspektive ist die einer intimen Kennerin, die das Land liebt, aber illusionslos auf dessen Entwicklungen blickt.

Die Diskussion setzt einige Grundannahmen als selbstverständlich: Dass der Brexit ein historischer Fehler gewesen sei, steht ebenso außer Frage wie die Prämisse, dass wirtschaftliches Wachstum und EU-Integration wünschenswerte Ziele sind. Politische Stabilität wird implizit als Wert an sich behandelt – selbst wenn sie, wie im Fall der Monarchie, auf undemokratischen Strukturen beruht. Die Erzählung folgt durchgehend einer liberal-europäischen Perspektive, die rechte Bewegungen als Bedrohung einordnet, ohne deren gesellschaftliche Anziehungskraft tiefer zu ergründen.

Zentrale Punkte

  • Brexit: Totaler Fehlschlag Dittert beschreibt den Brexit als wirtschaftspolitisches Desaster, das 8 % des BIP gekostet habe. Die versprochene Reduzierung der Immigration sei gescheitert – im Gegenteil habe sie sich durch den Wegfall der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit vervielfacht. Kleine und mittlere Unternehmen seien an den neuen Handelshürden zugrunde gegangen. Die Befürworter könnten heute keinen einzigen Vorteil mehr nennen.
  • Labour: Selbstzerfleischung nützt den Rechten Die Labour-Partei befinde sich nach krachenden Regionalwahl-Niederlagen in einem internen „Bürgerkrieg“. Kier Starmer sei so unpopulär wie Friedrich Merz, habe die „intellektuelle Beweglichkeit eines Aktenschranks“ und enttäusche die eigene Basis mit Sparpolitik. Die offen ausgetragene Nachfolgedebatte spiele letztlich Nigel Farage und den Rechtspopulisten in die Hände.
  • Englisches Selbstbild: Bewusst verschleiert Die englische Identität sei historisch „nebulös“, weil die dominante englische Nation ihre Vormachtstellung stets hinter wechselnden Staatsbezeichnungen – Britain, Great Britain, United Kingdom – versteckt habe. Progressive Engländer:innen bezeichneten sich lieber als „British“, während ein selbstbewusster „English“-Begriff von rechts besetzt worden sei. So fehle ein unverkrampfter progressiver Patriotismus.
  • Monarchie: Stabilisierend, aber gefährdet Dittert, die sich selbst nicht als Monarchistin sieht, hält das Königshaus dennoch für einen unverzichtbaren „stabilisierenden Faktor“ in polarisierten Zeiten. Der Skandal um Prinz Andrew – mutmaßlicher Amtsmissbrauch und Verbindungen zu Jeffrey Epstein – gefährde diese Stabilität. König Charles III. lobt sie als „gläubigen Demokraten“, der mit seiner Rede vor dem US-Kongress Parlamentarier an ihre verfassungsmäßige Pflicht erinnert habe.

Einordnung

Das Gespräch profitiert von Ditterts jahrzehntelanger Expertise und ihrer Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge – etwa die historischen Wurzeln der englischen Identitätskrise oder die privatisierungsbedingte marode Wasserinfrastruktur – in wenigen Sätzen anschaulich zu machen. Sie liefert konkrete Zahlen, benennt Widersprüche und scheut sich nicht, Fehlentwicklungen klar zu benennen. Auch ihre persönlichen Erfahrungen – der Shitstorm rechter Konservativer wegen ihrer Brexit-Berichterstattung, das Leben auf dem Hausboot – geben der Analyse Farbe, ohne ins Anekdotische abzugleiten. Die thematische Breite von Kanalisation bis Krone zeugt von einem tiefen Verständnis des Landes.

Allerdings bleibt die Diskussion in einem engen politischen Spektrum verankert. Dass rechte Bewegungen wie die um Farage von der Schwäche der Mitte profitieren, wird konstatiert – warum sie Resonanz finden, wird nicht ausgeleuchtet. Die Darstellung gestiegener Immigration enthält eine problematische Nuancierung: Dittert erwähnt, es handle sich nun um „People of Color“, nicht mehr um „weiße Europäer“, die „auch gar nicht so auffielen“. Sie referenziert dies zwar als Wahrnehmung anderer, doch der sprachliche Rahmen – Sichtbarkeit als Problem – wird nicht kritisch eingeordnet. Auch die Prämisse, ein undemokratisches Königshaus sei als Stabilisator willkommen, durchzieht das Gespräch unwidersprochen. Wirtschaftspolitisch verbleibt die Analyse im binomialen Schema Privatisierung versus Verstaatlichung, ohne alternative Modelle anzudeuten.

Hörempfehlung: Für alle, die eine pointierte, faktenreiche Bilanz zu zehn Jahren Brexit aus einer zugleich liebevollen und kritischen Innenperspektive suchen, ist dieses Gespräch ein Gewinn.

Sprecher:innen

  • Annette Dittert – Ehemalige ARD-Korrespondentin in London, New York und Warschau, Autorin von „Dear Britain“
  • Wolfgang Heim – Journalist und Gastgeber des Interview-Formats „Heimspiel“ bei Apokalypse & Filterkaffee