sexy & bodenständig: Folge 142: Frauen und Männer (2)
Schröder und Raether diskutieren toxische Männlichkeit, gesellschaftliche Asymmetrien und die literarische Flucht vor dem Patriarchat.
sexy & bodenständig
54 min read3327 min audioIn dieser Episode ihres Autor:innen-Podcasts führen Alena Schröder und Till Raether ein sehr persönliches Gespräch über geschlechtsspezifische Wahrnehmungen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch. Auslöser sind aktuelle Medienberichte über Christian Ulmen sowie der Pelicot-Prozess in Frankreich. Der Austausch ist geprägt von einer intimen, selbstkritischen Reflexion über die fundamental unterschiedlichen Lebensrealitäten von cis Männern und Frauen.
Dabei wird eine grundlegende strukturelle Asymmetrie zwischen den Geschlechtern diskursiv als unhinterfragte Prämisse gesetzt. Die omnipräsente Bedrohung von Frauen durch Männlichkeit und sexualisierte Gewalt wird als gesellschaftlicher Default-Zustand beschrieben. Raether analysiert aus der Täter- beziehungsweise Profiteurperspektive, während Schröder die Last der ständigen weiblichen Anpassung formuliert. Der Diskurs verknüpft diese gesellschaftlichen Beobachtungen organisch mit der beruflichen Ebene, indem verhandelt wird, wie Geschlechterrollen literarisch konstruiert und vom Publikum rezipiert werden.
### Zentrale Punkte
* **Sozialisation in Parallelwelten**
Raether erkläre, dass Männer gesellschaftlich darauf trainiert würden, mühelos zwischen sexistischen Räumen und bürgerlichem Familienleben hin- und herzuwechseln.
* **Der weibliche Vertrauensvorschuss**
Schröder argumentiere, dass Frauen im Patriarchat gezwungen seien, Männern unverdientes Vertrauen entgegenzubringen, was eine tiefe strukturelle Ungleichheit zementiere.
* **Kollektive männliche Haftung**
Der Slogan "NotAllMen" ergebe laut Raether keinen Sinn, da jeder cis Mann von gesellschaftlichen Privilegien und der strukturellen Nachsichtigkeit profitiere.
* **Literarische Fluchtbewegungen**
Beide Autor:innen konstatieren, dass das Erschaffen toxischer Männerfiguren psychisch belastend sei, weshalb das Schreiben aus weiblicher Perspektive oft als Entlastung diene.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine schonungslose Selbstreflexion, insbesondere in Raethers Dekonstruktion eigener männlicher Privilegien und blinder Flecken. Die Argumentation verknüpft persönliche Beobachtungen, popkulturelle Phänomene und Literaturkritik nahtlos mit struktureller Gesellschaftskritik. Auffällig ist dabei die durchgängig essentialistische Rahmung von Geschlecht: Die Diskussion verbleibt fast vollständig in einem binären Konstrukt aus profiteurhaften Tätern und vulnerablen Frauen. Wie absolut diese Prämisse sprachlich gesetzt und normalisiert wird, zeigt sich unter anderem, als Raether ein Zitat paraphrasiert und völlig selbstverständlich feststellt: „Ich meine, Männlichkeit ist destruktiver Kult, ja.“ Systemische Macht- und Erklärungsansätze dominieren das Gespräch so stark, dass individuelle psychologische Differenzierungen dahinter stark zurücktreten.
**Hörempfehlung**: Lohnenswert für Hörer:innen, die sich für eine essayistische und feministische Selbstbefragung rund um toxische Männlichkeit und Literatur interessieren.
### Sprecher:innen
* **Alena Schröder** – Autorin und Journalistin, schildert die weibliche Lebensrealität
* **Till Raether** – Autor und Journalist, reflektiert kritisch männliche Sozialisation