Maja Göpel spricht mit der Journalistin Teresa Bücker über deren Buch Alle Zeit. Im Zentrum stehe die These, dass Zeitverteilung eine Frage von Macht und Freiheit sei, nicht nur von Effizienz. Bücker beobachte eine politische Regression: Während 2022/23 die Debatte über die Vier-Tage-Woche und Arbeitszeitverkürzung offen geführt worden sei, dominiere 2025/26 wieder ein Leistungsdiskurs, der Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit als unhinterfragte Ziele setze. Als selbstverständlich werde dabei eine ökonomische Logik präsentiert, die Care-Arbeit unsichtbar mache und die Lebensrealität vieler Menschen – insbesondere die Doppelbelastung von Frauen – ignoriere.
Zentrale Punkte
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Die Statistik-Lüge der Arbeitszeiten Bücker behaupte, die These vom immer fauleren Deutschland sei empirisch falsch. Das Jahresarbeitszeitvolumen sei seit der Wiedervereinigung kontinuierlich gestiegen. Der Rückgang der Durchschnittsarbeitszeit erkläre sich durch mehr Erwerbstätige in Teilzeit, nicht durch weniger Gesamtarbeit.
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Care-Arbeit als blinder Fleck Die öffentliche Debatte fokussiere auf Erwerbsarbeit und ignoriere Care-Arbeit. Frauen arbeiteten oft bis zu 70 Stunden pro Woche inklusive unbezahlter Sorgearbeit. Die zeitliche Logik der Wirtschaft werde fälschlicherweise auf familiäre Bereiche übertragen, die nicht planbar seien.
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Demokratie braucht Zeit Zeitwohlstand sei keine Luxusfrage, sondern Voraussetzung für demokratische Teilhabe. Ohne Zeit für Information und Engagement könnten Bürger:innen keine mündigen Entscheidungen treffen. Die aktuelle Politik nehme diese Handlungsspielräume zugunsten von Wettbewerbsfähigkeit zurück.
Einordnung
Die Episode leiste eine fundierte Diskursanalyse darüber, wie ökonomische Kennzahlen politisch instrumentalisiert würden, um ein Narrativ der „Faulheit“ zu konstruieren, das der Lebensrealität widerspreche. Bücker entlarve die Verzerrung durch Durchschnittswerte und mache die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sichtbar. Die Verknüpfung von Zeitpolitik mit demokratischer Teilhabe sowie die Einordnung der aktuellen politischen Regression als Gegenreaktion auf frühere Offenheit seien analytisch scharf.
Kritisch bleibe, dass die Wettbewerbslogik selbst – obwohl problematisiert – als unhinterfragter Rahmen bestehe bleibe, gegen den sich argumentieren müsse. Die Referenz an das chinesische 996-Modell werde zwar dekonstruiert, aber die grundsätzliche Hegemonie des Wachstumsparadigmas werde nicht überwunden. Eine systematische Einbindung von Perspektiven aus prekären Arbeitsverhältnissen oder dem Globalen Süden fehle weitgehend.
Hörempfehlung: Für alle, die eine differenzierte Analyse zur Verknüpfung von Arbeitszeitpolitik, Care-Arbeit und demokratischer Teilhabe suchen.
Sprecher:innen
- Maja Göpel – Moderatorin, Transformationsforscherin
- Teresa Bücker – Journalistin und Autorin („Alle Zeit“)
Transkript-Länge: 27468 Zeichen