Sven Stockrahm und Melanie Büttner sprechen mit der Soziologin Rebecca Gulowski über ein Tabuthema: weibliche Täterinnenschaft bei Partnerschaftsgewalt. Ausgangspunkt ist die überraschende Erkenntnis aus der BKA-Dunkelfeldstudie LeSuBiA von 2026, wonach Männer ähnlich häufig körperliche Partnerschaftsgewalt erleben wie Frauen. Gulowski ordnet diese statistische Gleichheit ein und betont, es gehe nicht nur um Zahlen, sondern um deren Interpretation. Sie führt aus, dass die Art und Qualität der Gewalt sich stark unterscheide: Während von Männern ausgehende Gewalt oft alle Lebensbereiche kontrolliere und Todesangst auslöse, sei weibliche Gewalt seltener vorsätzlich geplant und in den Folgen weniger intensiv. Die Einordnung der eigenen Betroffenheit sei zudem stark durch Geschlechterstereotype geprägt, was es männlichen Opfern erschwere, das Erlebte überhaupt als Gewalt zu begreifen.
Zentrale Punkte
- Gleiche Zahlen – andere Gewalt Die statistische Häufigkeit körperlicher Gewalt sei zwischen den Geschlechtern zwar ähnlich, doch die von Männern ausgeübte Gewalt werde als intensiver, folgenschwerer und angstbesetzter geschildert. Männer erführen seltener eine umfassende Kontrolle aller Lebensbereiche durch ihre Partnerin, wie es beim „Intimterrorismus" gegen Frauen typisch sei.
- Das Tabu des männlichen Opfers Männliche Betroffene hätten oft große Schwierigkeiten, das Erlebte als Gewalt zu benennen, da es nicht dem Stereotyp des starken Mannes entspreche. Diese Scham führe zu Isolation, während das Hilfesystem stark auf weibliche Opfer ausgerichtet sei und die Angebote für Männer fehlten.
- Sex als Machtinstrument Bei sexualisierter Gewalt zeige sich ein deutliches Ungleichgewicht: Frauen seien zehnmal häufiger von Vergewaltigung betroffen. Dies erkläre sich dadurch, dass in einer patriarchalen Gesellschaft Sexualität, verstanden als Penetration der Frau durch den Mann, selbst ein Mittel der Macht und Gewaltausübung sei.
Einordnung
Die Episode leistet einen wertvollen Beitrag zur Differenzierung eines emotional aufgeladenen Themas. Der Moderator Sven Stockrahm lässt die Irritation über die Studiendaten zu und schafft so einen Raum, in dem die Forscherin Rebecca Gulowski die Statistiken in ihren lebensweltlichen Kontext einbetten kann. Das Gespräch zerlegt gekonnt die scheinbare Gendersymmetrie, ohne das Leid männlicher Betroffener kleinzureden. Gulowskis deutlicher Hinweis auf die starke Tabuisierung männlicher Opfererfahrungen, auch bei sexualisierter Gewalt, öffnet den Blick für blinde Flecken im öffentlichen Diskurs.
Die Analyse bleibt stark in einem heteronormativen Rahmen verhaftet, obwohl queere Beziehungskonstellationen kurz erwähnt werden. Zudem werden strukturelle Hürden für betroffene Männer nur als Problem des „Sich-selbst-nicht-verstehens" diskutiert, während der von Gulowski angesprochene tatsächliche Mangel an Hilfsangeboten und der Ressourcenkonflikt in der Fachpraxis kaum vertieft werden. Der Begriff des Patriarchats wird als zentrale Analysekategorie gesetzt, aber in seiner Wirkweise auf weibliche Täterinnenschaft – abseits von sexualisierter Gewalt – nicht vollständig entfaltet.
„Das Bild von der verrückt gewordenen Furie, das ist einfach ein Bild, was eher konstruiert ist", sagt Rebecca Gulowski und zeigt damit, wie weibliche Gewalt oft pathologisiert statt als Handlung ernst genommen wird.
Hörempfehlung: Für alle, die über den Tellerrand der üblichen Täter-Opfer-Debatte schauen wollen und eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Einordnung zur Vielschichtigkeit von Beziehungsgewalt schätzen.
Sprecher:innen
- Rebecca Gulowski – Soziologin, Gewaltforscherin mit Schwerpunkt weiblicher Täterinnenschaft
- Melanie Büttner – Ärztin und Sexualtherapeutin, Host des Podcasts
- Sven Stockrahm – ZEIT-Wissenschaftsressortleiter, Host des Podcasts