Die Episode rekonstruiert die Katastrophe von Brumadinho aus dem Jahr 2019, bei der nach einem Dammbruch 270 Menschen starben. Im Zentrum steht der Vorwurf, dass der TÜV Süd den Damm als sicher zertifiziert habe, obwohl interne Analysen zuvor auf Probleme hingewiesen hätten. Der Journalist Nils Naber zeichnet anhand von E-Mails und Gesprächen nach, wie der ursprüngliche Sicherheitsfaktor von 1,3 auf 1,05 gesenkt und der Damm daraufhin freigegeben worden sei – gegen den Rat anderer beteiligter Firmen.
Zentrale Punkte
- Herabsetzung des Sicherheitsfaktors Interne Mails von TÜV-Süd-Ingenieuren in Brasilien hätten das Nichterreichen des Faktors 1,3 dokumentiert und vor der Stilllegung der Mine gewarnt. Kurz nach einem Besuch eines Managers aus München sei der Damm dann auf Basis des niedrigeren Werts von 1,05 als sicher erklärt worden.
- Umstrittene wissenschaftliche Basis Der TÜV Süd berufe sich auf eine US-Studie, um die Herabsetzung zu rechtfertigen. Der Autor der Studie, Ben Lischinski, habe jedoch erklärt, dass seine Arbeit sich gar nicht auf Dammstabilität beziehe und in den USA üblicherweise Sicherheitsfaktoren von 1,5 und höher gelten würden.
- Schleppende juristische Aufarbeitung Während in Brasilien bereits ein Strafprozess laufe, sei die Staatsanwaltschaft München bei ihren Ermittlungen gegen einen Manager weit davon entfernt, Anklage zu erheben. Die Episode lege nahe, dass der TÜV Süd eine Verzögerungstaktik verfolgen könnte, da der Fall 2029 zu verjähren drohe.
Einordnung
Die Episode bietet eine dichte und sachlich vorgetragene investigative Rekonstruktion, die sich auf ein breites Spektrum an Primärquellen stützt: interne E-Mails, Interviews mit Betroffenen, Aussagen des TÜV-Süd-Chefjuristen und die Einschätzung eines unabhängigen US-Wissenschaftlers. Diese Materialfülle ermöglicht es dem Format, die Diskrepanz zwischen der Eigendarstellung des Konzerns und den recherchierten Abläufen präzise herauszuarbeiten. Besonders gelungen ist die verständliche Übersetzung komplexer technischer Sachverhalte – etwa des Sicherheitsfaktors – in ein plastisches Bild („Deich auf Deich“).
Die Darstellung strukturiert den Fall stark entlang der Frage individueller Verantwortung und juristischer Schuld. Das entspricht dem aufklärerischen Anspruch, blendet aber systemische Aspekte weitgehend aus. Es wird nicht grundsätzlicher gefragt, welche strukturellen Anreize ein Prüfunternehmen in wirtschaftlicher Abhängigkeit von denselben Bergbaukonzernen hat, deren Anlagen es zertifiziert – hier bleibt der Blick auf das Handeln Einzelner verengt, wie dieses Zitat illustriert: „Der Verdacht steht im Raum, um diese Aufträge nicht zu verlieren, hat man eventuell etwas zertifiziert wider besseren Wissens.“ Die Perspektive der brasilianischen Ingenieure vor Ort, die laut Mails früh warnten und sich möglichem Druck ausgesetzt sahen, bleibt blass; ihre Rolle wird nur kurz gestreift.
Hörempfehlung: Eine lohnende und dicht recherchierte Folge für alle, die verstehen wollen, wie ein deutsches Unternehmen in eine der schwersten Umweltkatastrophen Brasiliens verwickelt wurde.
Sprecher:innen
- Nadja Mitzkat – Host des Tagesschau-Podcasts 11KM
- Nils Naber – Investigativer Journalist der Recherchekooperation NDR, WDR und SZ