In der polnischen Ostseegemeinde Hotchevo entsteht für 45 Milliarden Euro das erste Atomkraftwerk des Landes. In seiner Reportage dokumentiert der Autor einen gesellschaftlichen Grundkonsens, den es in Deutschland so nicht gibt. Die Argumentation für das Projekt stütze sich auf eine Gemengelage aus Sicherheitspolitik, wirtschaftlichem Pragmatismus und Technikvertrauen, die in Polen parteiübergreifend geteilt werde. Auffällig sei, wie die Skepsis gegenüber sowjetischer Technologie aus Tschernobyl-Zeiten nun in eine breite Akzeptanz für US-amerikanische Reaktoren umgeschlagen sei. Der kolportierte Satz eines Anwohners, ein AKW sei „einfach ein schöner Anblick“, zeige, wie stark sich die Wahrnehmung von Atomkraft hier von der deutschen unterscheide. Kernenergie werde im gesamten Beitrag als pragmatische, ja alternativlose Technologie für Klimaziele und Energieunabhängigkeit präsentiert.

Zentrale Punkte

  • Energiepreise stabilisieren, nicht senken Ein Experte vertrete die These, niedrige Strompreise seien ein überholtes Ziel. Die eigentliche politische Aufgabe bestehe heute darin, die Preise bestmöglich zu stabilisieren – das AKW werde als Instrument für Vorhersehbarkeit, nicht zwingend für günstigen Strom dargestellt.
  • Zustimmung aus Pragmatismus und Sicherheitsdenken Die in Polen historisch hohe Zustimmung von rund 90 Prozent zur Atomkraft sei ein Ausdruck von Pragmatismus, der mit dem Ukraine-Krieg sprunghaft gestiegen sei, so ein Analytiker. Es gehe weniger um Technikbegeisterung als um das Ziel, sich von Kohle und russischen Einflüssen zu lösen.

Einordnung

Die Stärke der Reportage liegt darin, die alltägliche Verankerung des Projekts abzubilden: Von Anwohnern über die Gemeindebeamtin bis zu Unternehmern kommen viele Stimmen zu Wort. Diese Multiperspektivität schafft ein lebendiges Bild der lokalen Hoffnungen und Befürchtungen. Die zentrale politische Logik – Atomkraft als Voraussetzung für Souveränität und Klimaschutz – wird jedoch kaum mit externen Argumenten konfrontiert. So bleibt etwa unwidersprochen, dass moderne Reaktoren „sicher“ seien und dass Uranlieferungen aus Kasachstan und Kanada eine echte Diversifizierung darstellten. Die konkrete Problematik des hochradioaktiven Atommülls wird zwar benannt, aber als lösbare Verwaltungsfrage verhandelt, ohne dass die Suche nach einem Endlager vertieft wird. Dass die immense Beteiligung des US-Konsortiums zu Abhängigkeiten führen könnte, die dem Ziel der Souveränität widersprechen, wird in einer kritischen Unternehmermeldung zwar hörbar, aber nicht strukturell eingeordnet. Ein Verbandschef bringt das Problem auf den Punkt: „Doświadczenia niestety mamy złe“ („Unsere Erfahrungen sind leider schlecht“) – die angekündigte lokale Teilhabe bleibe, wie bei Offshore-Windparks, oft ein leeres Versprechen.

Sprecher:innen

  • Peter Sawicki – Autor des Deutschlandfunk-Hintergrunds, berichtet aus Polen
  • Dominik Brodzacki – Energieexperte, Thinktank Polityka Insight